Vertrauen ist gut, Kontrolle besser

Sport.Politik.Berlin: Die sechste Auflage der Gesprächsreihe machte Doping zum Thema

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

„Doping – ich kann es nicht mehr hören“ - unter diesem Motto diskutierten im Atrium der Deutschen Kreditbank (DKB) in Berlin bei der sechsten Ausgabe der Reihe „Sport.Politik.Berlin. – Impulse aus der Hauptstadt“, die von TV-Moderator Michael Krons (ZDF/Phoenix) moderiert wurde, Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Hajo Seppelt (ARD-Dopingexperte und Autor) und Dominic Müser, Senior Manager Anti-Doping Services der Sportradar Group.

Für Hajo Seppelt wäre es ein Albtraum, würden Menschen tatsächlich nach dem Diskussionsmotto handeln. "Ich verstehe völlig, dass viele Menschen die Heuchelei im Spitzensport beklagen. Aber keiner kommt auf die Idee zu sagen, nur weil so viele Menschen bei Rot über die Ampel fahren, wollen wir die Rote Ampel abschaffen“, sagte er: „Es hat gute Gründe, dass es im Sport Regeln gibt. Sportlicher Wettbewerb ohne Regeln funktioniert nicht. Ich kann nur jeden Menschen warnen, der sagt, ich kann das alles nicht mehr hören, so der Titel der Veranstaltung. Und dann noch sagt, gebt es doch endlich frei. Das sind akademische Wolkenkuckucksheimdiskussionen aus meiner Sicht. Dann würden nicht nur Medikamente missbraucht werden, es würden Dopingindustriezweige entstehen.“ Zum Verbot des Dopings gebe es keine Alternative – eine Freigabe sei der "Tod des Kulturgutes Sport”.
 
 
Übereinstimmend waren sie der Meinung, dass Doping kein punktuelles Ereignis ist, sondern ein strukturelles Thema darstellt – und dass es sich um Betrug nicht nur am Sport, sondern auch an Zuschauern und Sponsoren handelt.

Hajo Seppelt hob hervor, dass es zu einfach sei, den einzelnen Sportler und seine Betreuer an den Pranger zu stellen. Er sieht Doping als Teil der Korruption im Sport, die nur mit Lügen und Vertuschung funktioniere. Viele Menschen wüssten davon, viele Menschen schwiegen darüber. Es handele sich um ein systemisches Problem, welches nur durch Kontrollen von außen in den Begriff zu bekommen sei – “Systeme reagieren nur auf Druck”.

Dominic Müser betonte in der Diskussion, dass es bereits in der kindlichen Phase problematisch sei, wenn Eltern auf die Kinder Leistungsdruck ausübten und wie wichtig es stattdessen sei, die Heranwachsenden an Werte wie Fairness und Integrität heranzuführen, um Charaktere herauszubilden, die für das Thema Doping nicht empfänglich sind.

Auch Müser hält Doping für ein strukturelles Problem – in vielen Fällen falle der überführte Sportler “runter” – die kriminellen Strukturen aber blieben bestehen. Deshalb sei es so wichtig, die nationalen Anti-Doping-Agenturen durch weitere Organisationen von außen zu unterstützen – auch um mit der rasanten Entwicklung im medizinisch-technischen Sektor in diesem Bereich mithalten zu können.

DOSB-Präsident Hörmann war mit Müser einer Meinung, dass die Weichen bereits in jungen Jahren gestellt werden müssen: es gebe “nichts Motivierenderes als Vorbilder”, so Hörmann. Für zusätzlichen Druck sorge die zunehmende Kommerzialisierung im Sport, sei es, dass der Athlet durch das Leben am Existenzminimum versucht ist, zu unerlaubten Mitteln zu greifen, um seine Leistungen und damit seine Einkünfte zu verbessern, sei es, dass er dies einfach tut, um sich zusätzliche Verdienstmöglichkeiten zu eröffnen.

Man sei heute im deutschen Sport mit der klaren Aussage unterwegs: null Toleranz – “wer dopt, fliegt raus”, so Hörmann.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer auch in der Betrachtung, dass das diskutierte Thema inzwischen ein gesamtgesellschaftliches Phänomen darstellt – wenngleich die Einnahme entsprechender Substanzen – beispielsweise durch überforderte Manager am Vorabend eines wichtigen Sitzungsmarathons oder durch Besucher von Fitnessstudios - unter die Rubrik “Medikamentenmissbrauch” fällt – den es vom Thema “Doping” abzugrenzen gilt.

Veranstaltet wird die Diskussionsreihe vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) und dem Verband der Sportjournalisten Berlin-Brandenburg.

Die Veranstaltung wurde unterstützt von der AOK Nordost, dem exklusiven Gesundheitspartner des VdSBB sowie der DKB.
 
Text: Oli Kirchgessner