Versickern, verdunsten, verändern

Podium: Wie Regenwasser hilft, die Folgen der Klimaerwärmung zu lindern

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Foto: Businessfotografie Inga Haar/ Markus Stegner

Der Sommer 2022 brach mal wieder Rekorde: Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen war es in Europa von Juni bis August so warm wie dieses Jahr. Auch der Deutsche Wetterdienst meldete mit 817 Sonnenstunden ein neues Maximum. Extreme Trockenheit, sinkende Wasserpegel und Waldbrände waren die Folgen.

Wer auf eine Ausnahme hoffte, wurde in der vom VBKI-Ausschussvorsitzenden für Intelligente Infrastruktur, Dr. Ferdinand Schuster, moderierten Podiumsdiskussion von Dr. Darla Nickel, Leiterin Berliner Regenwasseragentur, eines Besseren belehrt: „In Zukunft werden wir nicht mehr von Dürrejahren reden. Das wird die neue Normalität werden im Sommer.“ Aber nicht nur Hitzewellen dürften sich häufen, sondern auch Starkregenfälle. Fällt dieser auf ausgetrocknete oder versiegelte Böden, können diese das Wasser nicht mehr aufnehmen – mit fatalen Folgen. Eine Lösung: Die Schwammstadt.
 
 
Eine Schwammstadt, erläuterte Frau Nickel, speichere und verarbeite den Regen dort, wo er falle. Auch Versickerung oder Verdunstung sei möglich. Nur in Ausnahmefällen würde der Regen abgeleitet. Dabei helfe die Schwammstadt nicht nur, mit den klimatischen Herausforderungen umzugehen, sondern trage durch Kühlung auch zu einer erhöhten Aufenthaltsqualität in bisher versiegelten Städten bei. Möglichkeiten, die Stadt dementsprechend umzubauen, gibt es viele: zum Beispiel die Entsiegelung von Flächen, um Versickerung und Grundwasserbildung zu fördern, der Bau künstlicher Gewässer und Regenbecken, sowie Dach- und Fassadenbegrünung. Der Berliner Senat hat das Problem erkannt, im Koalitionsvertrag steht das Ziel, dass neue Quartiere wassersensibel geplant werden müssen. Der große Hebel für Veränderungen im Bestand fehle aber noch, hier geht es laut Frau Nickel „schmerzlich langsam“ voran.
 
Anschließend stellte Judith Kraft, Head of Division Urban Water bei Arcadis, zwei Praxisbeispiele vor: die Quartiere Teltow-Mühlendorf und Karow-Süd. In Teltow ist ein großer Regenwasser-See entstanden, um das Wasser von Verkehrsflächen aufzufangen. Schilf reinigt das Wasser auf natürliche Weise. Das Dachwasser von Privathäusern wird über Zisternen gespeichert und kann für die Gartenbewässerung genutzt werden.
 
In Karow-Süd ist ebenfalls ein See geplant, sowie zusätzliche Überflutungsflächen. Darüber hinaus sind begrünte Dächer konzipiert, die bis zu 90 Prozent des Regenwassers zurückhalten können. Die sogenannten blaugrünen Dächer speichern Wasser, das für die Dachbepflanzung genutzt werden kann oder verdunstet. Sind die Speicher voll und Regen angekündigt, kann das Wasser automatisch in den See abgelassen werden.
 
In der anschließenden Diskussion, zu der noch Dominik Kolesch aus dem Bereich Research & Development der Berliner Wasserbetriebe stieß, zeigten sich alle drei optimistisch, dass das Thema in der Politik angekommen ist. Es sei jedoch zu früh, von einem Paradigmenwechsel zu sprechen. Noch gebe es kein gemeinsames Verständnis von der Dimension der Aufgabe. So sei es zum Beispiel noch nicht gelungen, die vom Denkmalschutz geschützte „steinerne Stadt“ der Vergangenheit mit der an die aktuellen und zukünftigen klimatischen Verhältnisse angepasste Wasserwirtschaft in Einklang zu bringen.