Von Elektropolis lernen

Was bedeutet Industrie 4.0 für die deutsche Wirtschaft und Berlin?

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Die Digitalisierung ist im Begriff, das produzierende Gewerbe zu revolutionieren. Produktionsabläufe verändern sich, Wertschöpfung verschiebt sich, Geschäftsmodelle geraten auf den Prüfstand: Wer wird gewinnen, wer wird verlieren?

Daten statt Dinge, Outreach statt Revenue, Plattformen statt Pipelines: Die Digitalisierung ist in der Industrie angekommen und wirbelt Wertschöpfungsketten, Geschäftsmodelle und Denkweisen durcheinander. Schema F führt zunehmend ins Abseits, neue Pfade tun sich auf. Moderiert von VBKI-Präsidiumsmitglied Lars Zimmermann diskutierten im VBKI Spiegel Titelgespräch drei Experten über die Chancen und Risiken einer Entwicklung, die nach Aussage von VW-Chef Martin Winterkorn „kein Stein auf dem anderen“ lassen wird.

Mit ihrem industriellen Know-how hat die deutsche Wirtschaft nach Ansicht von Professor Henning Kagermann ideale Voraussetzungen, um Industrie 4.0 ihren Stempel aufzudrücken. In der Großindustrie – beispielsweise in der Automobilbranche – sei das Thema inzwischen angekommen, es werde mit Hochdruck daran gearbeitet. Allerdings müsse mehr getan werden, um den breiten Mittelstand zu mobilisieren. Die dort verbreitete Skepsis gegenüber der digitalen Vernetzung von Maschinen, Produkten und Kunden könne sich als „Achillesferse“ erweisen. Um beim Wirtschaftsfaktor „Daten“ gegenüber den Mitbewerbern aus den USA und China mit ihren großen Heimatmärkten konkurrenzfähig zu bleiben, machte sich der Physiker und ehemalige SAP-Chef für die Etablierung von markenübergreifenden Plattformen stark. „Die deutsche Automobilindustrie könnte beispielsweise der dominante Kern einer gesamteuropäischen Initiative sein“, sagte Kagermann und forderte mehr Mut zu Kooperation und Partnerschaften.  

Ansgar Baums, Leiter des Berliner Büros von Hewlett-Packard, beklagte die Art und Weise, wie die deutsche Debatte über Sieger und Verlierer des digitalen Wandels geführt wird. Im deutschen Diskurs werde der Gegensatz zwischen den USA und Deutschland überbetont, Profiteure und Leidtragende der Entwicklung gebe es auf beiden Seiten des Atlantiks. „Es ist nicht so, dass alle Gewinner drüben sitzen und alle Verlierer hier“. Für die deutsche und die amerikanische Industrie sei gleichermaßen entscheidend, inwieweit der Schrittwechsel vom „Pipeline-Prinzip“ zur „Plattformisierung“ gelingt und damit Wertschöpfung im Konzern bleibt.

Die Schindler Group hat diesen Schritt bereits vollzogen. Nach Aussage ihres CIOs und Chefs der digitalen Sparte spielt die Bereitstellung von digitalen Diensten im Geschäftsmodell der Aufzugherstellers inzwischen eine bedeutende Rolle. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Schindler eines Tages ganz auf die Produktion von Rolltreppen und Fahrstühlen verzichtet und sich auf das Angebot von Serviceplattformen – beispielsweise im Bereich Gebäudemanagement – konzentriert. „Das sind Szenarien, die bei uns auf der Agenda stehen“, sagte Michael Nilles.

Beim Blick auf Berlin lagen Sonne und Schatten dicht beieinander. Michael Nelles lobte die Stadt als europäischen Hotspot der Digitalisierung, Ansgar Baums nannte die Erfolgsgeschichte Berlins hingegen keinen Selbstläufer: „Es gibt Leute, die sagen, der Standort sei bereits ‚ausgelutscht‘“. Auch Henning Kagermann warnte davor, dass das „Hot“ vor dem „Spot“ sich irgendwann verabschieden könnte und empfahl Berlin, mit innovativen Projekten „vorauszugehen“ – beispielsweise in der Verkehrssteuerung. Ansgar Baums assistierte und brachte die Idee „anarchischer Räume“ ins Spiel, um das innovative Momentum aufrechtzuerhalten. Als Vorbild könne das Berlin der Gründerjahre dienen, auch bekannt unter den Namen: Elektropolis.

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