Plastiktüte oder Plastebeutel?

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zu Gast bei VBKI und Hertie School

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Ost und West sind bis heute wesentliche Kategorien im deutschen Denken und Fühlen. Auch 27 Jahre nach der Wende. Wie kommt das? Eine Analyse mit Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaats Thüringen.

Wenn man ihm so zuhört, dürften die Unterschiede zwischen Thüringen und dem Garten Eden marginal sein: Industrieland (höchste Zahl von KMUs auf 1000 Einwohner, Autozulieferer), Kulturland (Wieland, Herder, Schiller und der Arbeitsmigrant Goethe), Wiege der architektonischen Moderne (Bauhaus Weimar), überhaupt Wiege der Moderne (Luther, Reformation) und natürlich (Winter-)sportland allererster Güte (7 Medaillen hat das Team T aus Pyeong Chang mit nach Hause gebracht). Virtuos rührte Bodo Ramelow die frühmorgendliche Werbetrommel und erfüllt damit eine der vornehmsten Aufgaben seines Ministerpräsidentenamts mit Bravour: erster Vermarkter seines Landes zu sein. Thüringen!

Aber die morgendliche Diskussion erschöpfte sich nicht in Werbeoffensiven, sondern enthielt auch nachdenklich-analysierende Töne, insbesondere mit Blick auf das Verhältnis – und die weiterhin bestehenden Unterschiede – zwischen Ost und West. Nach der Begrüßung durch VBKI-Präsident Markus Voigt kam der thüringische Ministerpräsident auf Gründe und Ursachen bis heute spürbarer Befindlichkeiten zu sprechen. In der unmittelbaren Nachwendezeit sei viel Porzellan zerschlagen worden, etwas durch die mal mehr, mal weniger verklausuliert vorgetragene Botschaft: Außer Sandmännchen und grünem Pfeil habt Ihr in der DDR nichts Sinnvolles zustande gebracht. Im Ergebnis sei ein weit verbreitetes Gefühl der Ausgrenzung entstanden. „Ich habe in Fettnäpfchen gestanden, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt“, sagte der in Westdeutschland aufgewachsene Ramelow über seine ersten Erfahrungen in Thüringen. Als Lehre daraus habe er es sich zur Aufgabe gemacht, mindestens drei Mal nachzufragen.

Im Gespräch mit Prof. Andrea Römmele, Professor for Communication in Politics and Civil Society an der Hertie School, warnte Ramelow auch vor aus der Hüfte geschossenen Pauschalurteilen, zumal jedes Etikett auch auf seinen Absender verweise. „Wenn der Osten braun ist, ist der Westen raus aus der Nummer“, sagte Ramelow. In der Diskussion um Ausmaß und Latenz der Fremdenfeindlichkeit müssten unterschiedliche Ausgangspositionen berücksichtigt werden. Der Osten mache jetzt die Erfahrungen, die der Westen bereits in den Sechzigern gemacht habe.

Der Erfolg populistischer Strömungen, nicht zuletzt in Thüringen, werde auch dadurch befördert, dass die anderen Parteien das Konservative freigegeben hätten. „Das haben jetzt die Schreihälse übernommen“, sagte Ramelow. 

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