Mehr USA als Europa

Ein aktuelles Lagebild der Türkei aus erster Hand

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Foto: VBKI

Land der Gegensätze, Land der Paradoxe, Brücke zwischen Orient und Okzident – und vor nicht allzu langer Zeit redete man noch vom anatolischen Tiger. Die Türkei entzieht sich offenbar einfachen Zuschreibungen. Beim Foreign Policy Lunch vermittelte uns Sina Afra, mehrfach ausgezeichneter Internetunternehmer mit Sitz in Istanbul, ein facettenreiches Türkei-Panorama. Dr. Thomas Bagger, Leiter der Abteilung Ausland im Bundespräsidialamt und Mitglied im VBKI-Ausschuss Internationale Politik & Wirtschaft, besitzt selbst reiche Türkei-Erfahrung. Als Moderator der Veranstaltung bestätigte er, dass unser medial transportiertes Türkei-Bild ein oft verengtes Bild transportiere. Im Vordergrund stehe die politische Lage, ein Weiten des Blickes bleibe oft aus.

Laut Sina Afra ist die Türkei in den vergangenen beiden Dekaden – insbesondere aber unter dem Eindruck der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung der jüngeren Jahre – depressiv geworden. Erst in den vergangenen Monaten sei der Negativtrend gestoppt worden. Wirtschaftlich habe sich die Lage stabilisiert, politisch stünden die Zeichen auf Veränderung: Die tiefere Ursache dafür sehe er vor allem in den nachwachsenden, zunehmend politisch mündig werdenden Generationen, die sich von den bisherigen Machthabern abwendeten. Die Machtstellung der Regierungspartei erodiere, neue politische Kräfte liefen sich warm – und hätten durchaus Chancen, künftig den Kurs des Landes zumindest mitzubestimmen. „Es sieht so aus, als sei die Zeit für den nächsten Richtungswechsel gekommen“, so Afra.
 
Wirtschaftlich biete das Land weiterhin enorme Chancen: Der junge Altersdurchschnitt – das Durchschnittsalter in der Türkei liegt bei 24! –, die verbreitete Can-do-Mentalität, der Wille zum Aufstieg, der Pragmatismus bei der Suche nach Lösungen bildeten beste Voraussetzungen für wirtschaftliche Dynamik. Gemessen an der Zahl der Beantragungen dürfte sich die Zahl der in der Türkei registrierten Investmentfonds in diesem Jahr verdoppelt (auf ca. 120), Start-ups und Internetunternehmen schössen wie Pilze aus dem Boden.
 
Hinzu kommt: Nach der Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre sei der Selektionsdruck auf dem Arbeitsmarkt hoch, Fachkräftemangel wie in Deutschland nicht verbreitet. Ähnlich wie in Amerika gelte in der Türkei das Prinzip des „Hire and Fire“, 12-Stunden-Tage seien im Land am Bosporus üblich, über eine 35-Stunden-Woche werde nicht einmal im Ansatz diskutiert.
 
Die ambitionierte Außenpolitik der Türkei – Stichworte Aserbaidschan, Syrien, Libyen – sei im Alltag der meisten Türkinnen und Türken kein Thema. Die Ausnahme von der Regel bilde der Themenkomplex, der in der Türkei unter der Überschrift „Das blaue Mutterland“ diskutiert werde: Der Konflikt um Schürfrechte im östlichen Mittelmeer, der die Türkei insbesondere in Gegensatz zum alten Antagonisten Griechenland bringe.
 
Und Europa? Auch wenn die jungen Leute Europa im Herzen tragen – die über viele Jahre angestrebte EU-Mitgliedschaft zählt nach Meinung Afras heute nicht mehr zu den Sehnsuchtszielen der Türkei. Die Abwendung mag zum Teil enttäuschte Liebe sein, schließlich hätten die EU-Mitglieder das türkische Werben nie erwidert. Zum anderen Teil liegt die Ursache in einem zunehmenden Attraktivitätsverlust der Union selbst – fehlende Einigkeit in zentralen Fragen hätte in den vergangenen Jahren in der Türkei den Anschein von mangender Handlungsfähigkeit erweckt. Dennoch ist Afra überzeugt, dass die Türkei auf Dauer keine andere Chance hat, als sich in Richtung Westen zu orientieren.