Licht aus dem Osten!?

Eine Diskussion über die Neue Seidenstraßen und Chinas Weg ins 21. Jahrhundert

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Der Begriff "Seidenstraße" geht auf Ferdinand von Richthofen zurück, der zwischen 1868 und 1872 in sieben Reisen 13 der 18 Provinzen Chinas bereiste. Das ist schon eine Weile her, dennoch ist der Begriff heute aktueller denn je.

Zu Lebzeiten Ferdinand von Richthofens waren Chinareisen ein abenteuerliches Vorhaben: Das Riesenreich wurde zu dieser Zeit von Aufständen erschüttert, Ausländer galten bestenfalls als Exoten, wenn sie nicht gar angegriffen wurden. Der Geograph, Kartograph und Forschungsreisende sprach noch nicht einmal die Landessprache. Was Richthofen in diesen Jahren leistete, revolutionierte das Wissen der Europäer über China. Nach zwölf langen Jahren kehrte er nach Preußen zurück. Kaum jemand, außer vielleicht der berühmte Forscher Alexander von Humboldt, hatte mehr weiße Flecken auf der Landkarte erforscht.

1877 prägte Richthofen den Begriff „Seidenstraßen“, mit dem er ein altes Netz von Karawanenstraßen bezeichnete, dessen Hauptroute den Mittelmeerraum auf dem Landweg über Zentralasien mit Ostasien verband. Unter dem Namen „One Belt, One Road“ entsteht seit 2013 ein neues System von Infrastrukturen wie Straßen, Bahntrassen und Wasserwegen, mit denen die Volksrepublik China sich mit über 60 weiteren Ländern Afrikas, Asiens und Europas vernetzen möchte. Dafür steckt die Volksrepublik die Hand tief in die Tasche, etwa 1,1 Billionen US-Dollar werden investiert. China verfolgt mit diesem ambitionierten Projekt vielfältige Ziele, vor allem möchte es die Grenzen zu den mittelasiatischen Staaten stabilisieren, die westlichen Landesteile entwickeln sowie die USA aus diesen Weltregionen zurückdrängen. Diesen inhaltlichen Rahmen steckte Kirsten Giering, Mitglied des Ausschusses für Internationale Politik und Wirtschaft beim VBKI, ab, die kenntnisreich die Diskussion im Capital Club moderierte.

Professor Eberhard Sandschneider ordnete die aktuelle Politik des Reichs der Mitte in einen historischen Kontext ein. Ausgangspunkt für den Leiter des Arbeitsschwerpunktes „Politik Chinas und Ostasiens“ an der FU Berlin ist der Erste Opiumkrieg. Dieser leitete den Niedergang Chinas von der einst unumschränkten Hegemonialmacht Asiens zu einer informellen Kolonie westlicher Mächte ein, das China bis zur Wende zum 20. Jahrhundert bleiben sollte. Ein Trauma des chinesischen Selbstverständnisses, von dem das Riesenreich sich nun lösen möchte.

Stefan Mair verwies auf den politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Belt and Road Initiative (BRI). Als Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI verantwortete er das Strategiepapier, das unter dem Titel „Partner und systemischer Wettbewerber – Wie gehen wir mit Chinas staatlich gelenkter Volkswirtschaft um?“ im Januar 2019 veröffentlicht wurde. Er verwies darauf, dass aktuell zwischen dem Modell einer liberalen, offenen und sozialen Marktwirtschaft und Chinas staatlich geprägter Wirtschaft ein Systemwettbewerb entstünde. Mair rief Deutschland und die EU dazu auf, sich noch aktiver mit anderen liberalen marktwirtschaftlichen Staaten zu koordinieren, um aus gemeinsamen Interessen gegenüber China auch gemeinsames Handeln zu entwickeln.
 
In der Diskussion zwischen Sandschneider und Mair wurde offensichtlich, dass wir in einer Welt von grundlegenden Machtverschiebungen leben. Beide Referenten wie die Moderatorin verwiesen darauf, wie wichtig es für Deutschland und die EU ist, diese Entwicklungen aktiv zu gestalten.