Kann Kunst unpolitisch sein?

Ai Weiwei und Yang Lian beim VBKI

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Der eine zählt zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlern, der andere zu den stillen Stars der internationalen Lyrikszene, zusammengeführt wurden sie von einem meinungsstarken Rechtsanwalt. An einem sommerlichen Oktobersonntag trafen Ai Weiwei, Yang Lian und Henning von Zanthier als Moderator aufeinander, um eine neue Reihe des VBKI zu lancieren: Arts & Politics.

In ihrer Biographie verbinden die beiden Künstler das, was sie programmatisch zusammengeführt hat. Ai Weiwei, der chinesische Konzeptkünstler, Bildhauer und Kurator, erlebte es bereits in Kindertagen. Sein Vater Ai Qing übte 1958 im Zuge der Hundert-Blumen-Bewegung Kritik am kommunistischen Regime und wurde dafür in die chinesische Provinz geschickt. Er erhielt nicht nur bis 1978 Publikationsverbot, als Demütigung wurde ihm die Aufgabe übertragen, täglich die Latrinen zu putzen. Auch der Sohn wurde nach regierungskritischen Äußerungen April bis Juni 2011 inhaftiert und erhielt bis 2015 Reiseverbot. Im selben Jahr emigrierte er, wurde an der Berliner Universität der Künste Gastprofessor und lebt seitdem in Berlin.
 
 
Der Vater von Yang Lian war Diplomat – deshalb wurde Yang Lian in der Schweiz geboren – und überzeugter Anhänger der Kommunistischen Partei Chinas, bis ihn die Liebe zur Musik Beethovens zum Zweifeln brachte. Diese Zweifel hatte auch der Sohn, Yang Lian stellte sich immer wieder kritisch gegen das System, so dass er in 80er Jahren in China nicht mehr publizieren konnte. Nach dem Tiananmen-Massaker wurden seine Werke in China auf die Zensurliste gesetzt und ihm wurde die chinesische Staatsbürgerschaft entzogen. Über Umwege über Neuseeland und London lebt Yang Lian seit Herbst 2012 mit seiner Frau, der Schriftstellerin Liu Yoyo. 2019 stand Yang Lian für seine Poesie auf der Shortlist für den diesjährigen Literatur-Nobelpreis.
 
Insofern ist man über eine der Aussagen, die Ai Weiwei äußerte, doch nicht verwundert: „Kunst interessiert mich nicht so sehr“. Diese Äußerung stellte das Kernthema der Diskussion dar. Ai ebenso wie Yang machen klar: Kunst ist entweder politisch – oder sie ist schlecht. Das moderne Konzept, dass Kunst vor allem schön sein solle, sei falsch. Sie müsse sich auch immer aus Wahrhaftigkeit speisen. „Sonst ist die Kunst hohl. Genauso wie Politik, die nicht auf der Wahrheit fußt“, so Yang.
 
Von dieser Aussage ist es nur ein kleiner Gedankensprung zu der Frage, die Ai Weiwei an das Publikum richtete: Wie viel sind unsere Werte, die Menschenrechte und Demokratie wert, wenn Deutschland zwar die Menschenrechtssituation in China kritisiert, gleichzeitig aber die Volksrepublik als den wichtigsten Zukunftsmarkt versteht? Henning von Zanthier fand deutliche Worte und verwies darauf, dass China den Westen nicht mit Waffen vernichten wolle wie noch die Sowjetunion, sondern es wolle Einfluss. Und die Verlockung, die westlichen Werte für wirtschaftliche Rendite zu verkaufen, sei seine stärkste Waffe. Eine Verlockung, der sich westliche Staaten leichtfertig und leichtsinnig hingäben.
 
Vielleicht war genau diese Erfahrung, die Ai Weiwei so enttäuscht hat, dass er Berlin verlassen möchte. Sein politisches Engagement sei den Deutschen viel zu anstrengend, zu unbequem, vielleicht auch zu lästig. Deutschland habe ihn nur als Künstler gewollt.
 
Auf die Frage des Moderators, wie eine offene, demokratische Gesellschaft zu realisieren sei, konnten weder Yang noch Ai recht antworten. „Die offene Gesellschaft ist ein Ideal, ein Weg, ein Prozess, der nie zu Ende geht“, so Yang. Eine Aufforderung verband Ai mit dieser Analyse: Schafft Räum für offene Debatten, habt Respekt für abweichende Stimmen, haltet sie aus