„Die Zukunft Berlins ist zu wichtig, um sie allein den politischen Entscheidern zu überlassen“

VBKI-Präsident Markus Voigt im Interview mit dem Tagesspiegel

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Foto: VBKI

EIn Interview mit VBKI-Präsident Markus Voigt über die Chancen einer Kultur des Miteinanders.

Der neue Senat unter Führung von Franziska Giffey ist jetzt fast genau ein halbes Jahr im Amt, was hat sich seither für die Berliner Wirtschaft verändert?
Das derzeitige Regierungsbündnis wird ja von denselben Parteien getragen wie in der vergangenen Wahlperiode – dennoch habe ich den Eindruck, dass die ausgestreckte Hand gegenüber Wirtschaft und Unternehmertum ernst gemeint ist. In den programmatischen Zielen, aber auch in der Wahl des Personals spiegelt sich ein Wandel, den wir begrüßen. Das Unternehmertum wird wieder als Partner wahrgenommen. Dieses Miteinander ist extrem wichtig für die Stadt. Wir werden Berlin nur gemeinsam fit für die Zukunft machen können. Wie bewerten Sie die bisherige Performance der Landesregierung? Sagen wir so: Es gibt Licht und Schatten. Tatsächlich war das Team um Franziska Giffey von Anfang an in den Krisenmodus gezwungen. Erst die Omikron-Welle, dann der russische Überfall auf die Ukraine – mit ganz erheblichen Folgen auch für unsere Stadt. Ich finde, gerade im Umgang mit den vielen Frauen, Kindern und Männern, die aus der Ukraine geflohen sind, hat man aus den Erfahrungen von 2015 gelernt. Da läuft einiges besser als vor sieben Jahren. Natürlich auch und vor allem dank des erheblichen und wirklich beeindruckenden Engagements der Berlinerinnen und Berliner – übrigens auch vonseiten zahlreicher VBKI-Mitglieder, wofür ich sehr dankbar bin.
 
Und wo sehen Sie Schatten?
Die aktuellen Krisen binden Kapazitäten, die an anderer Stelle fehlen. Ich habe schon den Eindruck, dass die Lösung unserer berlinspezifischen Fragen etwas in den Hintergrund getreten ist. Aber das Wohnungsproblem hat sich ja nicht in Luft aufgelöst, im Gegenteil. Der Senat musste ja gerade eingestehen, dass die Neubauziele in diesem Jahr nicht erreicht werden dürften – natürlich auch bedingt durch fehlende Baukapazitäten, Lieferengpässe und explodierende Baustoffpreise. Und der Vorstoß von Frau Giffey, die Mieten auf 30 Prozent des Einkommens zu begrenzen, wirkte eher wie eine Verzweiflungstat. Menschen mit geringem Einkommen hätten noch mehr Probleme, eine Wohnung zu finden. Auch die Herausforderung Klimaschutz oder die Notwendigkeit, endlich mit der Digitalisierung voranzukommen, bleiben uns erhalten. Ich denke, im Interesse unserer Stadt sind wir gut beraten, den Fokus trotz allem wieder ein Stück auf unsere Berliner Belange zu lenken. Wir schieben eine lange Liste von offenen Fragen vor uns her. Es ist Zeit, die Dinge anzupacken – das ist ja auch der übergeordnete Gedanke unseres diesjährigen VBKI-Symposiums.
 
„Berlin.Jetzt.Machen.“ lautet der Leitgedanke des diesjährigen VBKI-Symposiums.
Ja, dieser Dreiklang transportiert einerseits unsere Erwartungshaltung an die politischen Spitzen dieser Stadt. Es unterstreicht aber auch unseren Anspruch an uns selbst. Überspitzt ausgedrückt: Die Zukunft Berlins ist zu wichtig, um sie allein den politischen Entscheidern zu überlassen. Es gibt so viele engagierte Menschen in dieser Stadt, in der Wirtschaft genauso wie in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Der Empfang der Geflüchteten aus der Ukraine hat ja eindrucksvoll vor Augen geführt, zu welchen Leistungen privates Engagement auch in Berlin fähig ist. Dieses Potenzial sollten wir nutzen. Genau das bezwecken wir mit unserem jährlichen VBKI-Symposium: Wir wollen einen Ort des Austauschs schaffen, an dem sich der Ideenreichtum der Berlinerinnen und Berliner zum Wohle unserer Stadt entfalten kann. „Berlin.Jetzt.Machen“ ist also auch ein Angebot an alle engagierten Menschen dieser Stadt, Berlin gemeinsam voranzubringen. Und ich freue mich über alle, die teilnehmen und mit uns diskutieren.
 
Welche Themen werden denn am 1. Juli im Vordergrund stehen?
Die übergeordnete Frage lautet immer: Wie können wir Berlin weiterentwickeln? In 8 Sessions diskutieren wir dieses Leitthema unter unterschiedlichen Gesichtspunkten und zeigen anhand konkreter Beispiele, wie Themen vorangebracht und umgesetzt werden können. Nehmen wir etwa die Frage der Großveranstaltungen – ist Berlin dazu bereit? Aus meiner Sicht spricht vieles dafür, dass sportliche oder kulturelle Großereignisse einen ganz erheblichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Stadt leisten können. Sollten wir nicht die Frage von Olympischen Spielen in Berlin weiter konkretisieren? Ich denke, in einer Metropole wie Berlin sollten diese Fragen laufend auf der Tagesordnung stehen. Es geht um konkrete Chancen für unsere Stadt.
 
Um was wird es noch gehen?
Wir orientieren uns an den großen Berliner Herausforderungen. Ich freue mich zum Beispiel sehr, dass sich das Forum CEOs FOR BERLIN – ein Zusammenschluss von Berliner und Brandenburger Spitzenmanagerinnen und -managern – das Thema Verwaltungsmodernisierung zu eigen gemacht hat. Wenn man so will, ist die Verwaltung – gemessen an der Zahl der Beschäftigten – das größte Unternehmen in dieser Stadt. Sie ist auch ein zentraler Faktor bei der Bewältigung der Zukunftsherausforderungen. Ein Schlüssel zum Erfolg ist Tempo – nicht zuletzt bei den Genehmigungsverfahren. Möglicherweise hilft ein unmittelbarer Erfahrungsaustausch zwischen Unternehmern und Verwaltungsexperten, um gemeinsam Wege zu mehr Geschwindigkeit und Effizienz zu identifizieren. Ein weiteres großes Thema ist der Stadtumbau im Zeichen des Klimaschutzes. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Manchmal hilft es ja, sich in der Welt umzuschauen, um praktikable Lösungen zu finden. Der Blick nach Paris beispielsweise ist sehr inspirierend und könnte so etwas wie eine Blaupause für uns ein. Ich freue mich sehr, mit unserer Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey über internationale Best Practises zu diskutieren. Im vergangenen Jahr hat das VBKI-Symposium weitgehend online stattgefunden, 2022 treffen sie sich wieder in Präsenz – verändert das den Charakter der Veranstaltung? Mit Sicherheit. Ich denke, nach zwei Jahren Pandemie sind wir alle ein wenig Zoom-müde. Und natürlich ist es etwas anderes, von Angesicht zu Angesicht miteinander zu reden als online im Gespräch zu sein. Präsenzveranstaltungen entwickeln eine andere Dynamik als Videokonferenzen. Im unmittelbaren Austausch fällt es deutlich leichter, kreativ zu sein. Auch das Kontakteknüpfen ist klassisch analog immer verbindlicher und nachhaltiger als im digitalen Äther. Insofern hoffen wir sehr, dass Präsenzveranstaltungen künftig wieder die Regel und nicht die Ausnahme sein werden – zumal unser VBKI-Sommerfest am 26. August schon vor der Tür steht.
 
Und welche Pläne verfolgen Sie im VBKI?
Zunächst einmal sind wir sehr froh und dankbar, dass uns während der Corona-Zeit so viele Mitglieder treu geblieben sind und neue Mitglieder zu uns gefunden haben. Wir haben die Zeit auch genutzt, um uns weiterzuentwickeln und die eine oder andere Weiche neu zu stellen. Im Augenblick arbeiten wir gerade an einem modernen Markenauftritt, unser Symposium in einer Woche liefert bereits einen Vorgeschmack. Und mich persönlich beschäftigt derzeit besonders die Suche nach einem neuen Hauptquartier für den VBKI. Gemeinsam mit einem Team aus VBKI-Mitgliedern sondieren wir den Markt und prüfen entsprechende Angebote – ohne allerdings bislang fündig geworden zu sein. Die Marktlage in Berlin ist bekanntermaßen schwierig, aber wir bleiben optimistisch. Für Tipps und Hinweise zu geeigneten Objekten – vorzugsweise mit einer Nutzfläche zwischen 2000 und 5000 Quadratmetern im Berliner Westen – sind wir natürlich immer dankbar.
 
Vielen Dank!