Hello and goodbye

Claudia Grosse-Leege im Gespräch mit Udo Marin

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Foto: VBKI

Claudia Große-Leege, neue Geschäftsführerin des VBKI, im Gespräch mit dem scheidenden VBKI-Geschäftsführer Udo Marin und Kommunikationschef Sebastian Thomas.

SEBASTIAN THOMAS: Es soll nicht unhöflich wirken, aber meine erste Frage geht an den Herrn: Udo, hinten dir liegen 20 Jahre VBKI – eine lange Zeit und sehr prägende Jahre. Jetzt heißt es: „Ich bin dann mal weg.“ Komisches Gefühl?

UDO MARIN: Ein gutes Gefühl und zugleich ein komisches. Ich freue mich auf ein Leben, das weniger stark vom VBKI geprägt sein wird. Zwei Jahrzehnte hat die Arbeit mein Denken, Fühlen und Handeln beherrscht; ich habe mich vollständig mit dem VBKI identifiziert. Und ich hatte immer den Ehrgeiz, dass wir in dieser Stadt eine tragende Rolle als Plattform der Bürgergesellschaft spielen.

Was sind deine Pläne für den nächsten Lebensabschnitt?

UM: Da gibt es das Pilotprojekt „Einstieg zum Aufstieg“, das VBKI und Berliner Sparkasse gemeinsam gegründet haben. Es hat, wie viele, unter der Corona-Pandemie gelitten; nun wollen wir es ab 2021 gemeinsam weiterentwickeln. Des Weiteren bleibe ich im Vorstand von „Neue Wege für Berlin“, einem Verein, der konstruktive Antworten auf den Wohnungsmangel zu finden versucht. Diese Aufgaben werden meine Zeit in Anspruch nehmen. Und womöglich kommt noch das ein oder andere Angebot hinzu, das ich nicht ablehnen kann.

Gibt es etwas, das du am VBKI ausdrücklich nicht vermissen wirst?

UM: Definitiv! Ich bin ein absoluter Morgenmuffel. Die Ausschusssitzungen, die wir sehr oft morgens um 8 Uhr ansetzten, hatten zur Folge, dass ich schon um 7 Uhr in Frohnau aufbrechen musste. Jetzt ein bisschen länger zu schlafen – darauf freue ich mich.

Claudia, du bist Anfang Oktober 2020 in die VBKI-Geschäftsführung eingetreten, kanntest den VBKI zuvor vor allem als Mitglied. Man sagt ja immer: Der erste Eindruck zählt. Wie war dein erster Eindruck vom VBKI?

CLAUDIA GROßE-LEEGE: Mein allererster Eindruck vor Jahren hieß Udo Marin. Da ging es mir sicher wie vielen Mitgliedern: Ich wurde von ihm geworben, erlag sozusagen seinem Charme. Ich habe ihn immer als Gestalter erlebt: Udo ist bestens vernetzt und hat Menschen, die sich in Berlin engagieren wollen, einen wichtigen Hafen geboten. Ich hätte mich um diese Position nicht beworben, wenn ich nicht als Mitglied schon sehr zufrieden gewesen wäre mit dem VBKI. Seit ich nun genauer 'unter die Motorhaube' gucken konnte, weiß ich: Hinter der tollen Arbeit des Vereins steht ein tolles Team in der Geschäftsstelle.

Was zeichnet den VBKI besonders aus?

CGL: Mir gefällt der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements, den Udo erwähnt hat. Das unterscheidet den VBKI von vergleichbaren Organisationen in anderen Großstädten. Ich habe diesen Dreiklang aus Netzwerk, bürgerlichem Engagement und politischem Gestaltungswillen schon im Kulturausschuss erlebt. Dass die Mitglieder des VBKI als Bürgerinnen und Bürger der Stadt etwas bewegen wollen, spricht mich sehr an.

Dein Einstieg fällt in eine Zeit der Kontaktbeschränkungen. Wie kommst Du damit zurecht?

CGL: Ich bin eine ausgeprägte Optimistin und Pragmatikerin, ich kann das Gute im Schlechten sehen. Der Vorteil der aktuellen Situation: Ich muss nicht auf allzu vielen Veranstaltungen anwesend sein, sondern kann gemeinsam mit Udo persönliche Kennenlerntermine vereinbaren. Das ist eine hervorragende Methode für einen reibungslosen Übergang. Und es gibt mir Zeit, mich noch tiefer einzuarbeiten in die relevanten Themen. Dennoch ist es für den Verein insgesamt eine schwere Phase. Wir sind im Veranstaltungsprogramm massiv eingeschränkt und dürfen die Mitglieder nicht in der Weise persönlich zusammenbringen, wie wir das eigentlich wollen.

Die Beschränkungen werden uns noch über Monate begleiten. Wie wird der VBKI damit umgehen?

CGL: Der Verein hat gleich zu Beginn der Pandemie sehr gute Erfahrungen mit virtuellen Formaten gemacht. Das hat sich mittlerweile verstetigt. Gleichzeitig spüren wir eine gewisse Müdigkeit bei Online-Konferenzen. Die Herausforderung besteht darin, ein Programm für 2021 zu entwickeln, das Präsenz und Online mischt. Das kann klappen, wenn wir beispielsweise Inhalte und Vernetzung trennen. Wir müssen in kleineren Formaten denken, um persönliche Begegnungen zu ermöglichen. Meine Hoffnung ist, dass wir dank der Impfstoffe am 2. Oktober in der Lage sind, unseren „Ball der Wirtschaft“ durchzuführen. Das ist ein großes Ziel!

Udo, kannst du dich an Krisen erinnern, die den VBKI ähnlich getroffen haben?

UM: Nein, überhaupt nicht! Und ich hatte mir mein letztes Jahr natürlich auch anders vorgestellt. Als 1879 gegründeter Verein hat der VBKI aber durchaus Kriegs- und Krisenzeiten erlebt, auch die Spanische Grippe vor 100 Jahren. Auch diesmal trifft es die Hauptstadt überproportional hart, so mein Eindruck. Mein Mitgefühl gilt allen, die derzeit in Gastronomie, Hotellerie, im Event- und Messegeschäft oder in der Kultur um ihre Existenz bangen.

Was waren die wichtigsten Entwicklungsschritte, die der VBKI in den letzten 20 Jahren vollzogen hat?

UM: Das war zum einen der Ausbau der gemeinnützigen Tätigkeiten – ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Verbänden. Für den VBKI war das sehr identitätsstiftend. Es begann vor 15 Jahren mit den Lesepaten und wurde sukzessive ausgebaut. Ich hoffe, dass der Verein mit wachsendem wirtschaftlichem Potenzial diese Bemühungen verstärkt. Ein weiterer Aspekt betrifft die inhaltliche Arbeit, die es früher nur rudimentär gab. Nach und nach haben wir Ausschüsse aufgebaut, dort politisch interessierte Mitglieder versammelt und begonnen, an den Diskursen und der Agenda der Stadt mitzuwirken. Zunächst basierte das auf ehrenamtlichen Strukturen, mittlerweile gibt es mit Michael Knoll einen Leiter für politische Grundsatzfragen. Der dritte Aspekt betrifft den Plattform-Charakter des VBKI. Dass wir mittlerweile in dieser Qualität und Quantität Veranstaltungen durchführen und dass sich viele unterschiedliche Menschen unter unserem Dach versammeln und konstruktiv austauschen – das empfinde ich als großen Erfolg.

Claudia, werfen wir einen Blick nach vorne: Der VBKI hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Zukunft der Stadt mitzugestalten. Wie wird er das künftig tun und wo willst du Schwerpunkte setzen?

CGL: Ich möchte nicht an den Toren der Stadt halt machen. Berlin-Brandenburg muss sich als Metropolregion begreifen. Die Stadt ist längst wirtschaftlich und gesellschaftlich über die Landesgrenzen gewachsen. Um das Thema Zusammenwachsen sollte sich der VBKI unbedingt kümmern. Des Weiteren ist die Digitalisierung wichtig, da sehe ich großes Entwicklungspotential innerhalb des VBKI – sowohl in Bezug auf Arbeitsprozesse als auch bei der Kommunikation mit Mitgliedern. Ein drittes Thema ist die starke Verwurzelung des Vereins im Westen der Stadt. Der VBKI darf gerne noch mehr zum Spiegelbild der Gesellschaft werden, mit all der Diversität und Branchenvielfalt, die die Region bietet. Berlin hat außerdem einen hohen Zuwanderungsanteil, der sich noch nicht ausreichend im VBKI abbildet. Ich verhehle nicht, dass meine Zeit als Geschäftsführerin beim VDU (Verband deutscher Unternehmerinnen) mich in dieser Hinsicht geprägt hat.  

2021 stehen unter anderem die Bundestagswahl und die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus an. Wie wird sich der VBKI in die damit einhergehenden Debatten einbringen?

CGL: Zuerst muss man ganz klar konstatieren, dass der VBKI unabhängig von parteipolitischen Interessen agiert. Für uns sind Sachfragen entscheidend. Wir adressieren Themen, die der Wirtschaft und den Berlinern am Herzen liegen. Natürlich wollen wir diesen politischen Dialog im Licht der Öffentlichkeit führen.

Letzte Frage: Ihr zwei habt nun wochenlang eine Büro-WG gebildet. Wie war's?

CGL: Ich hatte mir vorher jahrelang kein Büro geteilt und war erst skeptisch – inzwischen könnte ich mir sogar eine Verlängerung vorstellen! Ich bin sehr dankbar, an Udos Erfahrungen teilhaben und an sein Netzwerk anknüpfen zu können. Wir hatten außerdem eine äußerst unterhaltsame Zeit, die ich nicht missen möchte.

UM: Für mich war das geteilte Büro ebenfalls eine Premiere in meinem Arbeitsleben. Ich hatte anfangs ambivalente Gefühle; heute empfinde ich genauso wie Claudia. Es war entspannt, humorvoll und voller gegenseitigem Vertrauen. Ich konnte langsam loslassen: Mein Kalender hat sich geleert, ihrer hat sich gefüllt. Ich bin sicher, dass der VBKI eine sehr gute neue Geschäftsführung gefunden hat.
 
Vielen Dank!