Frankreich Weltmacht, Deutschland Wirtschaftsmacht?

Ein Foreign Policy Lunch mit Claire Demesmay

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Foto: VBKI

Genau 200 Jahre nach dem Tod von Napoleon Bonaparte diskutiert Frankreich-Expertin Claire Demesmay mit Kirsten Giering, wieviel Napoleon noch in der Regierung von Emmanuel Macron steckt und was Chanteaubriand und Bruno Lemaire eigentlich gemeinsam haben.

Claire Demesmay leitet seit Februar 2009 das Frankreich-Programm der Deutschen Gesellschaft für Außenpolitik und ist assoziierte Forscherin am Centre Marc Bloch. Gemeinsam mit Kirsten Giering, Co-Vorsitzende des Ausschusses für International Politik und Wirtschaft und Inhaberin der Sinica Consulting nahm sie die bedeutendsten Entwicklungen in der französischen Innen- und Außenpolitik unter die Lupe.
 
Der Einstieg in die Diskussion geht über den Aufstieg: Emmanuel Macron hatte sich im Wahlkampf als junger Reformer positioniert – weg von der angestaubten Pariser Elite. Sein Markenzeichen. Ist er diesem treu geblieben? Das Land diskutiert nun die Abschaffung seiner prestigeträchtigsten Hochschule, der ENA. Sie ist das Sinnbild der französischen Führungselite und Alma Mater fast aller Präsidenten, inklusive Emmanuel Macron. Er will sie nun abschaffen. Ein cleverer Schachzug, um das Profil des Außenseiters erneut zu schärfen?
 
Emmanuel Macron war als Reformer angetreten. In Erinnerung bleiben wird er als Krisenmanager. Besonders in unsicheren Zeiten schaue man in Deutschland mit ein wenig Neid zum Nachbarn. Die zentralistische Führung in Paris – ein Erbe Napoleons – sei vermeintlich schnell und effizient. Man sehe aber gerade jetzt deutliche Nachteile, erläutert Claire Demesmay: In der Pandemie zum Beispiel ließen sich Entscheidungen nur schlecht an lokale Gegebenheiten anpassen und die Akzeptanz in der Bevölkerung schwinde. In seiner Amtszeit hat Emmanuel Macron wichtige Änderungen angestoßen, die Arbeitslosenversicherung modernisiert und eine Digitalsteuer eingeführt. Die Verwaltung soll noch reformiert werden. Der große Durchbruch – seit Jahrzehnten auf der politischen Agenda - bleibt aber auch ihm bislang verwehrt: Die Rentenreform.
 
Der Krisenmanager kämpft gegen islamistischen Terrorismus. Claire Demesmay erklärt, welche Faktoren ein friedliches Zusammenleben erschweren: Die sozialen Brennpunkte der sog. Banlieue (Außenbezirke), mangelnde Prävention und auch der fehlende Umgang mit der eigenen Kolonialgeschichte.
 
Napoleon und Chateaubriand haben sich gegenseitig bewundert. Findet man diese Beziehung auch zwischen Emmanuel Macron und dem heutigen Wirtschaftsminister Bruno LeMaire? Er ist bekennender Europäer und wurde 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Als Vermittler zwischen den Kulturen hat er die deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen maßgeblich beeinflusst.
 
Frankreich Weltmacht, Deutschland Wirtschaftsmacht. Fasst es die größten Unterschiede zwischen deutscher und französischer Außenpolitik perfekt zusammen? Claire Demesmay legt die geostrategischen Interessen Frankreichs im indopazifischen Raum dar. Deutschland gehe es um Handel, Frankreich um Macht und Verbündete. Es gäbe ein größeres Bewusstsein, international zuhause zu sein. Dies erkläre auch den Diskurs über europäische Souveränität und die Forderung gegenüber Deutschland, sich stärker zu engagieren.