Weit entfernt von der Bestnote

Expertenpanel: Wo steht die deutsche Energiewende?

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Sichere, saubere, bezahlbare Energie – die Erwartungen an die deutsche Energiewende sind hoch. Wie weit sind wir mit diesem Mammutprojekt?

Über den aktuellen Stand der Energiewende diskutierte beim VBKI ein hochkarätig besetztes Expertenpanel. Den Auftakt machte Dr. Thomas Vahlenkamp. Der Global Leader Electric Power & Natural Gas Practice bei McKinsey & Company stellte in seinem Impuls den globalen Energiewende-Index (ETI) vor, mit dessen Hilfe die Unternehmensberatung auf Basis von 40 Indikatoren den Stand der Energiewende in 114 Ländern misst. Im Gesamtranking belegt Deutschland den 16. Platz, schaut man sich die einzelnen Bewertungsfelder genauer an, ergibt sich allerdings ein sehr gemischtes Bild. Gute Noten erzielt Deutschland im Bereich Versorgungssicherheit, schlecht schneidet in Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes sowie bei der Wirtschaftlichkeit. Dr. Vahlenkamps Fazit: Die deutsche Energiewende will zu viel auf einmal – Fokus und die notwendige Flexibilität gegen verloren.
 
In der anschließenden von Gabor Beyer, Vorsitzender des VBKI-Ausschusses Intelligente Infrastruktur, moderierten Diskussion spielte das aktuelle Thema Kohleausstieg eine wichtige Rolle. Bedeutet das Ende der Kohleverstromung höhere Energiekosten? Nicht zwangsläufig, meinte Dr. Patrick Graichen. Laut dem Direktor der Agora Energiewende werde der Kohleausstieg der Industrie aber mehr Flexibilität abverlangen – Produktionen müssten in günstigere Stromstunden gelegt werden, beispielsweise in die Mittagsstunden (wenn besonders viel Solarenergie zur Verfügung steht). Insgesamt sei die Energiewende kein Hexenwerk, sondern eine Management-Aufgabe. Allerdings „fehlt mir im Moment der Manager“, so Graichen.
 
Das Unternehmen HPS Home Power Solutions GmbH entwickelt und produziert Systeme zur Speicherung und Nutzung von Sonnenenergie für Ein- und Mehrfamilienhäuser. Gründer und Geschäftsführer Dr. Henrik Colell sieht die Energiewende daher mit einer gewissen Zwangsläufigkeit positiv. Die Argumente: Neue Geschäftsmodelle bieten neue Chancen, der Kunde wird Marktteilnehmer, die Versorgung zunehmend dezentral organisiert. 
 
Bruno Daude-Lagrave, Geschäftsführer Total Deutschland GmbH, zog in Sachen Energiewende eine gemischte Bilanz. Es sei wie im Fußball, sagte der Franzose: „Wenn man sich zu hohe Ziele setzt, bekommt man Probleme.“ Und natürlich habe eine erfolgreiche Energiewende ihren Preis: „Neue Systeme, neue Strukturen – das muss am Ende irgendjemand bezahlen.“ Wer etwas anderes behaupte, sei ein Träumer – oder er lügt.
 
Das Traditionsunternehmen Gasag ist es gewohnt, mit Anpassungsdruck umzugehen – und zwar nicht erst seit dem Startschuss für die Energiewende. Laut Dr. Gerhard Holtmeier, Vorstandsvorsitzender GASAG AG, sei der Weg vom reinen Gasversorger zum breit aufgestellten Energiekonzern bereits eingeschlagen. Der Kohleausstieg bedeute für die Gasag mehr Chance als Risiko – schließlich muss die Kohleenergie durch andere Energieträger ersetzt werden. Warum nicht durch Gas?