"Wir müssen lauter sein"

Sportlerförderung - wie lassen sich Athleten besser vermarkten?

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Welche Fördermöglichkeiten sportlicher Karrieren es gibt und wie sich die oft holprigen Übergänge ins spätere Berufsleben reibungsloser gestalten lassen, darüber diskutieren in prominenter Runde in der fünften Ausgabe der Reihe „Sport.Politik.Berlin – Impulse aus der Hauptstadt“.

Es brauche Kreativität und Mut, der Sport solle sich nicht ausschließlich auf Forderungen stützen, sondern sehr viel stärker für sich selbst werben, sagte Raphael Brinkert, Eigentümer der Agentur BrinkertMetzelder Am Beispiel der gegenwärtigen „Fridays for future“-Aktionen erläuterte der PR-Fachmann, wie man sich erfolgreich dem Wettbewerb und den damit verbundenen geänderten Kommunikationsanforderungen stellen kann: „Kennt Eure Grenzen und brecht sie bewusst.“  Er meinte damit, dass die "Fridays for Future"-Bewegung für de Klimaschutz nicht so erfolgreich geworden wäre, würde am Samstag statt am Freitag, sprich zur Schulzeit, demonstriert.
 
Wie lassen sich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Deutschlands Leistungssportler ihre Karrieren mit besserer finanzieller Ausstattung oder Absicherung bestreiten können? Im Atrium der Deutschen Kreditbank (DKB) in Berlin diskutierten am Abend des 7. Mai 2019 bei der fünften Ausgabe der Veranstaltungsreihe "Sport.Politik-Berlin", die von ZDF-Moderatorin Annika Zimmermann moderiert wurde, Dr. Michael Ilgner, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Marc Zwiebler, Athletenvertreter und Olympiateilnehmer Badminton, Jochen Behle, ehemaliger Bundestrainer Ski Nordisch und Raphael Brinkert.

Einig waren sich alle Diskutanten darüber, dass dieses Thema für die Zukunft des Sports in Deutschland von größter Bedeutung ist und dass das Gesamtsystem sportlerfreundlicher gestaltet werden muss.

Dr. Michael Ilgner hob hervor, dass die Sporthilfe in Deutschland zwar deutlich besser sei als öffentlich wahrgenommen, es sei aber durchaus noch Steigerungspotential vorhanden. Themen wie Leistungsethik und Werte machten den Sport in Deutschland zwar stark, aber  der Wettbewerb an Angeboten für Kinder und Jugendliche sei enorm gewachsen. Deswegen sei es wieder an der Zeit, bereits bei Kindern eine Anerkennung für das Thema Leistungssport zu schaffen – dort habe der Sport in der Vergangenheit viele Versäumnisse gehabt.

Auch auf die Anforderungen einer stark veränderten und vielfältigen Medienlandschaft seien viele Vereine und Verbände nicht ausreichend vorbereitet. Was also tun? Obwohl es viele ermutigende Beispiele gebe, wie die „Start Up Academy“ der DKB, ist die Lösung nicht, ausschließlich nach der Wirtschaft rufen: „Die Wirtschaft muß gar nichts.“

Aber es seien viele Wege denkbar, das Potential von Leistungssportlern zu nutzen. Dafür müsse man als Sport aber auch selbstbewusster auftreten.  "Es nutzt nichts, wenn man als Olympiateilnehmer im Bewerbungsgespräch irgendwo unter ferner liefen als Hobby Turnen angibt. Aber Sportler sind nunmal so aufgewachsen: Zuerst Leistung bringen, bevor man eventuell auch mal etwas einfordert.” Auch er glaubt: “Die Sportler in Deutschland sind zu leise, für das was sie können und leisten. Wir müssen lauter sein. Nach dem Grundsatz: konsequent, konstruktiv, unzufrieden“.

Wie das erreicht werden kann? Marc Zwiebler berichtete von seiner persönlichen Karriere und davon, dass er während seines Studiums oft daran gedacht habe, den Leistungssport an den Nagel zu hängen. Von den Vereinen forderte er, stärker tätig zu werden. Bei den Eltern müsse ein Umdenken hinsichtlich der Ansprüche in Relation zu den Kosten, die sie für den Sport ihrer Kinder in den Vereinen aufwendeten, stattfinden. “Da ist man ohne zu zögern bereit, für eine halbe Stunde Klavierunterricht 20 Euro zu zahlen, aber vom Verein fordert man für zehn Euro im Monat die volle Betreuung.”  Weiterhin sei die geringe Wahrnehmung der Spitzensportler in der Öffentlichkeit ein großes Thema: „Das Aktuelle Sportstudio im ZDF ist heute eigentlich ein Aktuelles Fußballstudio“.

Ähnlich argumentierte Jochen Behle: „Wenn man im Sport viel Geld verdienen will, sollte man Fußball spielen“. So sei der Stellenwert des Sports heute bereits in der Schule eher niedrig – und es sei ein langer Weg, bis man, zumindest im Wintersport, ins „Leistungssportalter“ gewachsen sei. Ein Weg, auf dem es viel Unterstützung braucht. Ganz wichtig dabei: die Eltern, die bei eigentlich so banalen Themen wie etwa dem Fahrdienst für ihre Kinder eine entscheidende Rolle spielten.

Das Übergewicht des Fußballs sieht auch Brinkert, aber er setzt darauf, dass Sportler und Verbände Medien stärker nutzen sollen. “Natürlich muss man dafür Geld in die Hand nehmen.” Zehn Prozent des Etats für Kommunikationsmaßnahmen aufzuwenden würden sich auszahlen, so seine These. Gerade der Leistungssport helfe der Gesellschaft, dennoch werde immer mehr die Leidenschaft für den Sport vergessen und leichtfertig mit diesen Chancen umgegangen. Und mit dem leidvollen Hinweis auf das gescheiterte Bürgerreferendum in Hamburg um die Bewerbung als Austragungsort der Olympischen Spiele 2024 forderte er: Auch die Politik müsse Geld in die Hand nehmen.

Die Veranstaltung wurde unterstützt von der AOK Nordost, dem exklusiven Gesundheitspartner des VdSBB sowie der DKB.
 
Text: Oliver Kirchgessner