Ist der Kiez Geschichte?

Panel diskutiert über Markt, Milieuschutz und Mietpreisbremse

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Berlin wächst, allein im Jahr 2013 um die Einwohnerzahl der Stadt Passau (50.000). Diese Entwicklung stellt Berlin vor neue Herausforderungen. Die steigende Nachfrage nach Wohnraum befeuert die Preise, die Milieus in den Vierteln verändern sich. Ist der Kiez Geschichte?

Diese Frage stellte Moderatorin und VBKI-Vizepräsidentin Petra Gothe am 25. März einem Panel aus Immobilien- und Politikvertretern. Beim Blick in die Zukunft herrschte weitgehend Einigkeit auf dem Podium: Berlin bleibt attraktiv, die Stadt wird in den kommenden Jahren weiter wachsen – und damit auch die Nachfrage nach Wohnraum. Wie mit diesem Trend umzugehen sei, darüber gingen die Meinungen dann deutlich auseinander.

Roter Teppich statt Mietpreisbremse

Der Schlagabtausch entwickelte sich entlang der Frage, inwieweit der Markt in eigener Regie Antworten auf die Herausforderungen der wachsenden Stadt formulieren kann – und wo politisches Handeln nötig ist. „Nur neue Wohnungen verhindern Knappheit“, sagte beispielsweise Jürgen Michael Schick, Geschäftsführer des gleichnamigen Immobilienunternehmens. Wer den Nachfragedruck aus dem Markt bekommen wolle, müsse den Investoren den roten Teppich ausrollen. Die Politik allerdings täte genau das Gegenteil: Mietpreisbremse, Milieuschutz und eine behäbige Bürokratie seien Knüppel zwischen den Beinen potenzieller Investoren. „Bei dieser Verbotspolitik wird die Stadt nicht dauerhaft attraktiv bleiben“, sagte Schick. Ulrich Trautmann, Geschäftsführer ID&A Immobilien, stieß in dasselbe Horn: „Investoren haben in dieser Stadt nie Sicherheit gehabt.“

Kein sinkendes Investoreninteresse erkennbar

Der Vertreter der Politik – der Pankower Bezirksstadtrat Jens Holger Kirchner – erwiderte, er können zumindest für seinen Bezirk kein sinkendes Interesse von Investoren erkennen („Sitzen im Stundentakt bei mir am Tisch.“). Nirgendwo in Berlin werde so viel gebaut wie in Pankow, 2013 sei der Neubau von 1.600 Wohnungen genehmigt worden – Tendenz weiter steigend. Als Politiker müsse er auch auf die soziale Durchmischung achten: Durch die Zusammenlegung von Wohneinheiten seien beispielsweise rund um den Kollwitz- und den Helmholtzplatz ganze Bevölkerungsgruppen verschwunden.

Begriff „Gentrifizierung“ überdenken

Dr. Martin Fleckenstein, Partner SammlerUsinger, befürchtet hingegen keinen Exodus einkommensschwacher Bevölkerungsschichten. „Es mag sein, dass es in Berlin künftig Wohlstandsinseln geben wird.“ Armutsinseln hingegen sieht der Anwalt für Immobilienrecht aber nicht. Überhaupt müsse der Begriffs „Gentrifizierung“ überdacht werden. Letztendlich führe die so bezeichnete Entwicklung zu mehr Vielfalt –  „das ist doch, was wir wollen, wenn wir von sozialer Durchmischung sprechen“.

Skeptisch äußerte sich nicht nur die Immobilienbranche zu Sinn und Zweck der sogenannten Mietpreisbremse. Auch Bezirksstadtrat Kirchner zweifelte an der Wirksamkeit dieses Versuchs der Bundespolitik, den Preisanstieg in besonders nachgefragten Wohngegenden zu regulieren. „Das wird unterlaufen.“

Bilder der Veranstaltung finden Sie hier.