Flüchtlinge: Berlins Wirtschaft zurückhaltend

VBKI-Umfrage zur Flüchtlingsfrage

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Foto: pangea labs

​Wer im Kampf gegen den Fachkräftemangel auf zugewanderte Flüchtlinge setzt, wird seine Erwartungen dämpfen müssen. In einer aktuellen Online-Befragung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) unter Berliner Unternehmerinnen und Unternehmern zeigen sich nur 7 Prozent überzeugt, dass Flüchtlinge signifikant zur Beseitigung der Facharbeiterlücke beitragen werden.

Insgesamt ergibt sich kein klares Bild: Optimisten (46 Prozent) und Skeptiker (54 Prozent) halten sich in etwa die Waage. Allerdings sind sich 16 Prozent sicher, dass ein Fachkräftewunder infolge der Massenzuwanderung ausbleiben wird. Besonders pessimistisch sind jene Befragten, die von einer negativen Veränderung des Landes infolge der Zuwanderung oder von langen Qualifizierungszeiträumen ausgehen.

Die VBKI-Zahlen zeigen: Die Integration von zugewanderten Flüchtlingen – zumal in den Arbeitsmarkt – ist alles andere als ein Selbstläufer“, kommentierte VBKI-Präsident Markus Voigt die Ergebnisse.

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Zwar demonstriere die Wirtschaft große Bereitschaft und viel guten Willen. „Aber guter Wille reicht natürlich nicht, um die Ankommenden sinnvoll in Unternehmensabläufe einbinden zu können. Arbeitsintegration braucht Voraussetzungen: Sprache, Qualifikation, kulturelle Anpassungsbereitschaft. Sie ist eine langfristige und mühevolle Aufgabe.“

CSU zweitstärkste Partei


Die Flüchtlingspolitik bekommt kein gutes Zeugnis ausgestellt. Die Bundesregierung erhält die Durchschnittsnote 3,9, noch einen Tick schlechter kommt der Berliner Senat weg (4). Mehr als ein Drittel fühlen sich in der Flüchtlingsfrage von keiner Partei vertreten, ein knappes Drittel sind Anhänger der CDU. Immerhin 15 Prozent stehen einer Partei nahe, die in Berlin noch nie zur Wahl stand: der CSU. Für die Teilgruppe jener, die Flüchtlinge eher als Chance denn als Belastung für den Standort betrachten, ergibt sich ein anderes Bild: Hier findet die Große Koalition eine satte Mehrheit (55 statt 45 Prozent). Bei den Skeptikern (eher Belastung als Chance) kommen CSU und sonstige Parteien auf fast 45 Prozent.
Sehr skeptisch sind die Befragten hinsichtlich einer europäischen Lösung der Flüchtlingsfrage: Mehr als drei Viertel halten eine solche Lösung für eher (59 Prozent) oder sogar sehr (17 Prozent) unwahrscheinlich. Die Beteuerungen der Politik, die Zuwanderung ohne Erhöhung der Einnahmen managen zu können, treffen ebenfalls auf große Zweifel. Mehr als 65 Prozent stellen sich auf Steuererhöhungen ein oder rechnen mit neuen Staatsschulden.

Große Hilfsbereitschaft

Klar ist: Kalt lässt die Flüchtlingsfrage die Wenigsten. Fast 77 Prozent der befragten Unternehmer fühlen sich persönlich betroffen. Und die Hilfsbereitschaft ist groß: Fast ein Viertel der Befragten engagieren sich schon heute ehrenamtlich zugunsten von Flüchtlingen – und mehr als 62 Prozent, bei denen das aktuell nicht der Fall ist, können es sich für die Zukunft vorstellen. 80 Prozent sind der Meinung, dass die Flüchtlingskrise starken oder sehr starken Einfluss auf die Zukunft Berlins haben wird.

Allerdings wird es nicht einfach sein, die Ankommenden in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zwar planen fast 70 Prozent der befragten Unternehmer im kommenden Jahr neue Stellen, und mehr als drei Viertel können sich grundsätzlich vorstellen, Flüchtlinge bei sich zu beschäftigen. Dennoch dürften die Chancen eher schlecht stehen, dass Flüchtlinge vom aktuellen Berliner Jobwachstum profitieren werden. Denn auf dem Weg in den Arbeitsmarkt warten zahlreiche Hürden: 80 Prozent der Befragten erwarten ein entsprechendes Qualifizierungsniveau, 65 Prozent knüpfen eine mögliche Einstellung an Sprachkenntnisse und mehr als 60 Prozent setzen Anpassungsbereitschaft voraus. Eine Senkung oder Aussetzung des Mindestlohns hat dagegen untergeordnete Bedeutung: Nur rund 5 Prozent würden Flüchtlinge unter der Voraussetzung beschäftigen, dass sie nicht nach Mindestlohn zahlen müssen. Im Schnitt gehen die Umfrageteilnehmer davon aus, dass es 4 Jahre braucht, um Flüchtlinge fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen – über 11 Prozent glauben, es dauert 10 Jahre oder länger.

Chance oder Belastung für den Standort?

Insgesamt gehen fast 90 Prozent davon aus, dass sich Deutschland im Zuge der aktuellen Flüchtlingskrise dauerhaft verändern wird.  Ob in eine positive oder negative Richtung bleibt offen – Optimisten und Skeptiker (52 Prozent) liegen fast gleichauf. Verengt sich der Blick auf die Wirtschaft, sind die Optimisten aber in der Mehrheit: 62 Prozent sehen in der Zuwanderung eine Chance für den Standort Deutschland, 38 Prozent gehen eher von einer Belastung aus.

Auf der anderen Seite: Fast zwei Drittel sind der Meinung, die Grenze der Aufnahmefähigkeit Deutschlands ist längst oder fast erreicht, 36 Prozent sehen noch Spielraum. Wer Flüchtlinge als Belastung für den Standort empfindet, glaubt zumeist (61 Prozent), dass die Aufnahmegrenze längst erreicht ist. Umgekehrt gilt ebenso: 55 Prozent der Befragten, die Flüchtlingen eher als Standortchance betrachten, sehen noch Spielraum.

Diese Ergebnisse beruhen auf einer anonymen Online-Erhebung, die der VBKI zwischen dem 12. und 17. November 2015 unter seinen Mitgliedern durchgeführt hat. Insgesamt beteiligten sich fast 400 Personen. In der Auswertung berücksichtigt wurden alle vollständig ausgefüllten Fragebögen (274). Im VBKI sind sämtliche Berliner Branchen vertreten. 70 Prozent der Umfrageteilnehmer sind nach eigenen Angaben im Dienstleistungssektor tätig (davon 61 Prozent im Bereich „wissensbasierte Dienstleistungen“ im Unterschied zu „einfachen Dienstleistungen“, 7 Prozent stammen aus dem produzierenden Gewerbe. Der Rest entstammt „sonstigen Bereichen“.

Den vollständigen Bericht finden Sie hier >>