30.000 Euro fürs Abi?

Diskussion über Armut in Deutschlands – und ihre Ursachen

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Armut in Deutschland? Spätestens wenn der Armutsbericht der Bundesregierung wieder zur Veröffentlichung ansteht, rückt das Thema wieder ins öffentliche Blickfeld – und liefert Munition für aufgeheizte politische Grabenkämpfe. Ist Armut tatsächlich ein gesamtgesellschaftliches Problem im reichen Deutschland?

Das Thema erhitzt die Gemüter. Nüchtern und sachlich wird die Debatte selten geführt, dafür gerne unter Berufung auf gefühlte Wirklichkeiten. Aber: Wie arm ist Deutschland wirklich? Bröckelt die Mittelschicht? Steigt das Risiko für breite Schichten der Bevölkerung, künftig in Armut zu leben? Ist der latente Alarmismus berechtigt? Unter dem Titel „Armes Deutschland“ nahmen sich drei Experten beim VBKI des Themas an. Moderiert von Prof. Dr. Michael Wohlgemuth, Direktor Open Europe Berlin, tauschten sie Argumente aus – und konzentrierten sich dabei auf die Fakten.

Kern der Bestandsaufnahme zu Beginn der Gesprächsrunde, die der Ausschuss für Wirtschaft und Ethik im VBKI initiiert hatte: Deutschland ist ein reiches Land mit einer funktionierenden Grundversorgung. Allerdings besteht für rund ein Sechstel der Bevölkerung das Risiko, in Armut abzurutschen. Dieser Anteil ist seit 2005 konstant geblieben – anders als in den 15 Jahren zuvor, als die Realeinkommen gesunken waren.

Gestiegen ist allerdings in den vergangenen Jahren die Ungleichheit der Vermögensverteilung. Es ist also durchaus etwas dran an der These, dass die Reichen immer reicher werden. Nur der vermeintliche Umkehrschluss ist nicht zulässig: Es ist keineswegs so, dass die Armen immer ärmer würden. Die Mittelschicht ist seit den 2000er Jahren weitgehend konstant geblieben.

Einig war das Panel auch darin, dass Armutsrisiko und Bildung in einem engen Zusammenhang stehen: Je geringer der Bildungsgrad, desto größer das Risiko, in Armut zu leben. Der Bildungserfolg wiederum korreliert stark mit dem Herkunftsmilieu – und vererbt sich allzu oft über Generationen. Bislang sei es nicht in ausreichendem Maße gelungen, Kinder aus bildungsfernen Schichten zum Aufstieg aus der Armut zu verhelfen. Wie lässt sich diese Logik durchbrechen?

Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin, forderte eine Reform des Bildungssystems und mehr Aufmerksamkeit für die frühkindliche Bildung. Schon im Vorschulalter würden wichtige Weichen gestellt, persönlicher Ehrgeiz und Konzentrationsfähigkeit entwickelten sich in diesen frühen Jahren. Auch Prof. Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, plädierte für ein verpflichtendes Vorschuljahr. Kinderarmut effizienter zu bekämpfen, forderte schließlich auch der Dritte im Bunde der Diskutanten Lars P. Feld, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg, Leiter des Walter Eucken Instituts und Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Originelle Idee zum Schluss: Um die Eigenverantwortung zu stärken, motivierend zu wirken und den Wert der Bildung konkret und anschaulich zu machen, schlug Prof. Fratzscher das sogenannte Lebenschancenerbe vor. Mit Abschluss der Ausbildung solle jeder 21-Jährige 30.000 Euro vom Staat erhalten und diese beispielsweise für bestimmte Bildungszwecke einsetzen dürfen. 

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