Kinder, Karriere, Kollaps?

Vereinbarkeit von Familie und Beruf - zwischen Dichtung und Wahrheit

Familie und Beruf?itok=2QWaVyy4
Foto: Businessfotografie Inga Haar

Die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist eines der großen Themen unserer Zeit. Der demografische Wandel und die zunehmend schwierige Suche nach qualifizierten Arbeitsplätzen machen diese Frage für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen relevant. Aber: Wie sieht die Realität aus? Wo enden gute Absichten, wo beginnen tragfähige Lösungen?

Diese Fragen bildeten den Ausgangspunkt einer besonderen Veranstaltung, die am vergangenen Donnerstagabend den Schritt von der Theorie in die Praxis wagte und tiefergehende Einblicke in konkrete Gratwanderungen zwischen den beiden Polen des Lebens ermöglichte. Den inhaltlichen Anstoß zu dem Format hatte die vielfach geteilte Erfahrung gegeben, dass es zwar schon sehr viele gesetzliche und betriebliche Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt, aber dass deren Umsetzung in die Wirklichkeit noch sehr zu wünschen übrig lassen.

Ein Kernanliegen war den Initiatoren, das Publikum in die Diskussion einzubinden und allen Anwesenden die Möglichkeit zu geben, sich aktiv in das Gespräch einzubringen und eigene Erfahrungen zu teilen. Dieser Gedanke spiegelte sich auch in einer besonderen Sitzanordnung: Statt auf einer Bühne spielte sich das Geschehen in einem offenen Kreis ab: „Frontalunterricht“ konnte auf diese Weise vermieden werden. Stattdessen war die Veranstaltung von Beginn an von einer sehr intensiven Diskussion aller Teilnehmer geprägt.

Moderiert von VBKI-Vizepräsidentin Petra Gothe tauschten zunächst drei Frauen, die Führungspositionen in der Wirtschaft bekleiden, ihre Erfahrungen aus. Alle drei mussten in ihren Lebenswegen regelmäßig berufliche Erwartungen mit dem eigenen Wunsch, Zeit für Familie und Kinder zu haben, in Einklang bringen. 

Dass dieser Weg zuweilen steinig – und alleine nicht zu bewältigen – ist, davon berichtete Dr. Eva Müller-Dannecker. Die Ärztin und Ressortleiterin Change Management und Personalentwicklung bei Vivantes sagte, ihr Mann habe wesentlichen Anteil daran, dass beruflicher Erfolg und ein stabiles Familienleben sich in ihrer Biografie nicht gegenseitig ausschließen mussten. Trotz der hohen beruflichen Belastung habe sie gerade in den Übergangsphasen stets Wert darauf gelegt, sich Zeit für die Familie zu nehmen, so die Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern. Rückblickend sei die intelligente Kombination von staatlichen Betreuungsangeboten und Au-pair sehr hilfreich gewesen. Ein allgemein gangbarer Königsweg ist dies allerdings nicht, das zeige ein Blick in die Statistik: Bis heute seien die meisten weiblichen Chefärzte kinderlos.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) – einer der größten Arbeitgeber der Stadt – setzen auf individuelle Lösungen, um ihre Mitarbeiter in unterschiedlichen Lebenslagen zu unterstützen. BVG-Chefin und VBKI-Präsidiumsmitglied Dr. Evelyn Nikutta sagte, ihr Unternehmen biete keine Sonderregelungen für Frauen an, sondern orientiere sich am Faktor Familie. Als Beispiel nannte die vierfache Mutter Dienstpläne, die individuell auf besondere Lebenssituationen zugeschnitten sind – darunter etwa das Studium, die Betreuung der Kinder oder die Pflege der Eltern. Nikutta betonte aber auch, dass Familienfreundlichkeit auf Gegenseitigkeit beruhe und dass der Arbeitnehmer auch entsprechende (Mehr)Leistungen für das Unternehmen erbringen müsse, wenn dies notwendig sei.  

Jutta Kemme, Leiterin Personal- und Sozialpolitik des Arbeitgeberverbandes Nordmetall, erläuterte die Lage in der eigenen Branche: Der Frauenanteil unter den Metallern – etwa 20 Prozent – sei weiterhin zu gering. Das gelte insbesondere für Führungspositionen. Ein Lichtstreif am Horizont: Es gebe eine Reihe von Unternehmen, die sich einer „Kultur des möglich Machens“ verschrieben hätten, so die dreifache Mutter.

Die Vielschichtigkeit des Themas und auch die unterschiedliche Handhabung in der Praxis offenbarten sich nicht nur in der Diskussion selbst, sondern wurden auch durch Schauspieleinlagen illustriert. Gottfried Vollmer (bekannt aus diversen TV-Serien und als Coach für Führungskräfte) und Hanna Jessen (Kiezmanagerin bei der Gewobag AG und VBKI-Juniormitglied) führten dem überraschten Publikum in ihren Sketchen Alltagsszenen aus dem Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie vor.

Mit diesen Denkanstößen ausgestattet hatten die Veranstaltungsgäste in zwei sich anschließenden Workshops Gelegenheit, das Thema weiter zu vertiefen. Als wichtig wurde dabei erkannt, dass sich individuelle Problemstellungen (Sandwichposition der Führungskräfte wie Abteilungsleiter) nicht durch schablonenhafte Regelungen und Vorschriften lösen lassen, sondern dass es vor allem auf eines unerlässlich ist: das offene und rücksichtsvolle Gespräch zwischen allen Beteiligten.

Einen Einblick in weitere Ergebnisse der Workshops liefert folgende Bildergalerie.

Weitere Bilder der Veranstaltung finden Sie hier.