„Journalismus ist kein Algorithmus“

RBB-Intendantin Patricia Schlesinger zu Gast beim VBKI

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Es war ein engagiertes Plädoyer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR): Gerade in Zeiten von Hypes, Fake News und Populismus brauche die Demokratie eine Instanz, die den Fakten auf den Grund geht, sagte RBB-Chefin Patricia Schlesinger beim VBKI.

Wenige Tage vor dem Besuch Patricia Schlesingers beim VBKI hatten sich die Schweizer per Volksabstimmung mit großer Mehrheit für den Erhalt des gebührenfinanzierten Rundfunks ausgesprochen. „Eine gute Nachricht“, stellte Frau Schlesinger gleich nach der Begrüßung durch VBKI-Präsident Markus Voigt fest. Allen Unkenrufen und vermeintlichen Vertrauenskrisen zum Trotz zeigten auch für Deutschland zahlreiche Studien und Umfragen, dass eine große Mehrheit das öffentlich-rechtliche System befürworte. In Zeiten von Hypes, Fake News, Populismus und einer zunehmenden Bedrohung des unabhängigen Journalismus in Europa (Polen, Ungarn) brauche die lebendige Demokratie eine Instanz, die den Fakten auf den Grund geht. „Qualitätsjournalismus ist kein Algorithmus“, sagte die Intendantin. Qualitätsjournalismus sei mit Mühe, Aufwand und Kosten verbunden.

Allerdings gebe es keinen Grund, sich in Selbstzufriedenheit zurückzulehnen. Es gebe Reformbedarf, und in der ARD habe man auch Reformbereitschaft. „Wir müssen Doppelstrukturen abschaffen und die Produktion weiter verschlanken“, sagte Schlesinger. Den eigenen Sender will die seit Sommer 2016 amtierende Intendantin als Hauptstadtsender etablieren. Das Programmschema sei inzwischen komplett überarbeitet worden, insbesondere im wichtigen Abendprogramm: „Statt an 4 bis 5 Abenden pro Woche Wiederholungen zu senden, zeigen wir nun an 4 bis 5 Abenden eigene Produktionen.“ Großer Coup: Das Mittagsmagazin mit 2 bis 2,5 Millionen Zuschauern wird seit wenigen Wochen aus Berlin (statt aus München) gesendet.

Die Zukunft liege auch für die öffentlich-rechtlichen Sender im Netz. „Wir wollen den Zuschauer dort antreffen, wo er lebt – nämlich online“, sagte Patricia Schlesinger. Vor diesem Hintergrund kritisierte Schlesinger die 10 Jahre alten gesetzlichen Regelungen, die dem ÖRR und dessen Präsenz im digitalen Raum enge Grenzen setzten. „Wer das Netz für den ÖRR klein macht, nimmt dessen Tod auf Raten in Kauf.“

Der Kampf mit den privat finanzierten Verlegern über Netzpräsenz sei eigentlich schon überholt, sagte Frau Schlesinger im anschließenden Gespräch mit dem Journalisten Johann Michael Möller (lanjähriger Hörfunkdirektor des MDR). Die hart geführte Diskussion verstelle den Blick auf den gemeinsamen Feind, nämlich Facebook, Amazon und Netflix. Frau Schlesinger schlug eine gemeinsame Plattform für Qualitätsjournalismus vor, auf der die gebührenfinanzierten Sender beispielsweise Bewegtbild-Material bereitstellen könnte. Abschließend regte sie eine grundsätzliche Debatte über die Idee des ÖRR vor, in deren Mittelpunkt der Gedanke eines europäischen Gesellschaftsvertrags zum Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dessen Funktion im digitalen Zeitalter stehen könne.

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