Berlin: Labor für klimaschonende Mobilität

Ute Weiland und Simon Batt-Nauerz werfen einen Blick auf den Verkehr der Zukunft

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Foto: VBKI

Spätestens seit Helmut Schmidt genießen Visionen einen zweifelhaften Ruf. Sie klingen nach Utopie, nach Wolkenkuckucksheim, einem Zeitvertreib für Spinner. In einem heute im Tagesspiegel erschienenen Gastbeitrag legen die Vorsitzenden unseres Mobilitätsausshusses dar, warum sie diese Einschätzung nicht teilen.

Visionen sind Wegweiser in die Zukunft. Sie bilden den Strang, an dem wir gemeinsam ziehen können. Vor allem sind sie das, was Berlin derzeit fehlt – wie uns die wenig inspirierende und inspirierte Mobilitätsdebatte nahezu täglich vor Augen führt.
 
Um es gleich vorauszuschicken: Der Schutz des Klimas ist das A und O, je schneller und umfassender, desto besser. Als bedeutender CO2-Emittent (in Berlin gehen rund 30 Prozent am Gesamtausstoß auf seine Kosten) ist selbstverständlich auch der Verkehrssektor verpflichtet, seinen Beitrag leisten. Aber: Muss dieser Beitrag zwangsläufig auf Verzicht, Verboten und erhobenen Zeigefingern beruhen? Müssen wir die einschlägigen Debatten entlang der kruden Vorstellung führen, die Welt teile sich in gute Radfahrer und böse Autofahrer? Diese Sicht auf die Dinge geht nicht nur an der Realität vorbei, sie ist auch ein echter Chancenkiller. Hätten unsere Stadtväter vor 100 Jahren mit einer ähnlichen Mentalität agiert, würden wir uns heute weiterhin mit Pferdedroschken fortbewegen. Das Groß-Berlin des 21. Jahrhunderts gekoppelt mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 werden wir nicht allein auf dem Fahrrad und mit höheren Parkgebühren erreichen.
 
Es ist an der Zeit, den Blick zu weiten. Wo, wenn nicht in Berlin mit seiner herausragenden Wissenschaftslandschaft, seinem Pioniergeist und seiner technologieoffenen Bevölkerung, gibt es bessere Voraussetzungen, den Weg von der Gegenwart in die Zukunft zu verkürzen? Tatsächlich sind viele Szenarien, die nach Science Fiction klingen, längst im Landeanflug auf unsere Realität – nur den Weg in den heimischen Mobilitätsdiskurs scheinen sie nicht zu finden. Urban-Air-Mobility-Konzepte haben zuletzt enorme Fortschritte gemacht. Volocopter aus Bruchsal will in zwei bis drei Jahren mit kommerziellen Flügen starten, Lilium aus München plant den Einstieg in den gewerblichen Betrieb ihres für fünf Personen ausgelegten und mit 38 Elektromotoren angetriebenen Flugtaxis für das Jahr 2024. Zukunftsmusik?
 
Hier deuten sich Optionen und Lösungen an, die wir beim Blick auf den klimaschonenden Verkehr der Zukunft – vorsichtig formuliert – nicht gänzlich ausblenden sollten. Berlin als Labor und Schaufenster für umweltschonende Mobilitätsinnovationen, der Gedanke ist bereits formuliert und konzipiert – und einen passenden Ort gibt es auch schon: Die Architekten des Büros Graft wollen das seit 2014 verwaiste ICC zum M.ICC ausbauen – zum Mobility Innovation Convention Center! Im Untergeschoß mit Berlins größter E-Ladestation ausgestattet, forschen Start-ups gemeinsam mit Wissenschaftlern und Berliner Unternehmen an den nächsten Schritten für eine umweltschonende, schnelle und komfortable Mobilität. Innovationen rund ums autonome Fahren, neueste Drohnen-Technologien oder die Geschichte des Rennsports von der AVUS bis zur Formula E – als öffentlich zugänglicher Ort macht das M.ICC all dies sicht- und erlebbar.
 
Sicherlich würde sich dort auch die Firmengruppe Max Bögl mit ihren Plänen rund um ein lärm- und emissionsarmes Transportsystem präsentieren: Geht es nach den Bauunternehmern, pendeln künftig Magnetschwebebahnen zwischen wichtigen Berliner Verkehrsknotenpunkten hin- und her – schnell, intelligent gesteuert, fahrerlos und an vorhandene Infrastruktur angebunden. Angedacht sind Verbindungen vom Berliner Hauptbahnhof zur Urban Tech Republic in Tegel – oder zwischen den beiden Krankenhaus-Standorten der Charité, um sie zu einem gemeinsamen Campus zu verbinden.
 
Fundament für jede Form von autonomem Transport, zu Lande oder in der Luft, sind Myriaden von in Echtzeit verfügbaren Informationen. Wir in Berlin sitzen auf solch einem Datenschatz, allerdings schlummert er weitgehend unbeachtet vor sich hin. Zwar existieren Datenpools mit Schnittstellen nach außen. So stellt beispielsweise der Verkehrsverbund Berlin Brandenburg ÖPNV-Fahrplandaten der Allgemeinheit zur Verfügung. Größere Digitalisierungsvorhaben dieser Art treffen aber auf zahlreiche Hürden. Unter anderem hat der Europäische Gerichtshof Mitte letzten Jahres den Datentransfer in die USA untersagt – und in Europa mangelt es an alternativen Speicher- und Verarbeitungskapazitäten (etwa Cloud-Dienste). Hier gilt es schnell Abhilfe zu schaffen, wenn wir auch künftig unserem Ruf als Land der Tüftler und Erfinder gerecht werden wollen.
 
Flugtaxis, Magnetschwebetechnik, Hyperloop-Kapseln oder auch Microhubs, von denen Drohnen aufsteigen, um uns unsere Bestellungen frei Haus zu liefern – nicht jedes visionäre Mobilitätskonzept wird den Weg in unsere künftige Alltagsrealität schaffen. Aber: Einige schon! Fortschritt braucht einen mutigen und kreativen Mindset, Berlin einen gemeinsamen Aufbruch von Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft. Selten waren Visionen so wenig futuristisch wie heute. Nicht verbieten, sondern überflüssig machen. Das sollte unser gemeinsamer Anspruch sein, darüber sollten wir reden.
 

 

Über die Autoreninnen und Autoren

Ute Weiland
ist Geschäftsführerin von Deutschland – Land der Ideen und seit Anfang 2021 auch Co-Vorsitzende des Mobilitätsausschusses im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI).

Ute Weiland
© Dennis Williamson


Simon Batt-Nauerz
ist Geschäftsführer des Bodenabfertigers AeroGround Berlin GmbH am Hauptstadtflughafen BER und Co-Vorsitzender des Mobilitätsausschusses im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI).

Simon
© AeroGround Berlin GmbH