Alexander von Humboldt 2.0

Niels Annen, Staatsminister im Auswärtigen Amt, beim Foreign Policy Lunch

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Drei Tage nach dem 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt lud der VBKI zum Foreign Policy Lunch: Was Deutschland heute in Latein-Amerika entdecken kann.

Niels Annen, Staatsminister im Auswärtigen Amt, zog historische Traditionslinien von Alexander von Humboldt zur gegenwärtigen Deutsch-Freundlichkeit in vielen lateinamerikanischen Länder, hob die Rolle des Universalgelehrten und Aufklärers im Diskurs zwischen den Kontinenten Europa wie Mittel- und Südamerika hervor und betonte nicht zuletzt die besondere Verbindung zu Berlin über das Humboldt-Forum.
 
 
Hier sprach nicht nur ein außenpolitischer Experte qua Amt, sondern einer, dem man sein Interesse und eine Liebe an und zu dem Kontinent jenseits des Atlantiks deutlich anmerkte. Kein Wunder, Annen studierte neben Geschichte und Geographie eben auch Lateinamerikanistik.
 
Sein Interesse an Lateinamerika gilt nicht nur der Geschichte und Kultur, sondern eben auch der politischen Aktualität. Zunächst einmal gibt es eine gesellschaftspolitische Verbindung: Wie Europa sind auch Mittel- und Südamerika ein Kontinent der Demokratien. Europa und Lateinamerika sind natürliche Verbündete mit komplementären Interessen Ein Kontinent reich an Menschen, Ressourcen und – in Zeiten des Klimawandels doppelt wichtig – an Natur, der Kapital, Know-how und Kooperation bedarf. Das weiß auch die chinesische Politik, die zunehmend auf diesem Kontinent agiert, investiert und kooperiert. Dabei haben die Chinesen von ihren nicht immer glücklichen Investments in Afrika gelernt. Machbarkeit, Rendite und strategische Interessen machen den neuen Dreiklang chinesischer Politik auf diversen Kontinenten aus, mit dem sie den Europäern zusehends den Rang ablaufen. Umso wichtiger sei das Engagement der deutschen Wirtschaft auf diesem Kontinent.
 
Nun ist der Kontinent jenseits des Atlantiks nicht frei von Sorgen, wie Annen in seiner Tour d’Horizon ausführte. Argentinien zum Beispiel: Dieser Staat könnte eines der wohlhabendsten Länder Südamerikas sein mit seiner gut ausgebildeten Bevölkerung, der passable Infrastruktur, den idealen Bedingungen für die Agrarwirtschaft und den großen Rohstoffvorkommen wie Gas und Öl. Wirtschaftspolitisch ist in Argentinien vieles schiefgegangen, über Jahrzehnte hinweg. Ein weiterer Problemfall ist Venezuela, das nach zwei Dekaden „bolivarischer Revolution“ in eine wirtschaftliche und politische Katastrophe geschlittert ist. Wie umgehen mit diesem Land, das kein nachhaltiges Regime vorzuweisen hat, in dem die Anhänger von Hugo Chavez ein relevanter politischer Faktor sind? Wie umgehen mit einem Staat, dessen Destabilisierung den gesamten amerikanischen Kontinent durch Migrationsbewegungen in Mitleidenschaft bringen könnte? Schließlich Brasilien, einst das B unter den hoffnungsvollen BRICS-Staaten, das nun von einem in seiner politischen Diktion radikalen Präsidenten geführt wird, der das Amazonas-Gebiet in erster Linie als Wirtschaftsressource sieht und nicht als grüne Lunge der Welt.
 
Und dennoch, so betonte der Staatsminister, ist Lateinamerika ein wirtschaftlich interessanter Kontinent. Kein Kontinent der schnellen und risikoarmen Geschäfte, ein Kontinent aber, der langfristig Gewinne verspricht. Vor diesem Hintergrund sei es ein großer Erfolg gewesen, dass Mexiko sich als Industrieland auf der Hannover-Messe präsentierte. Die Anbindung dieses Landes an Deutschland mit seinen exzellenten Deutschen Schulen und einer von Deutschland importierten Dualen Ausbildung ist offensichtlich. Nicht zuletzt hier ist das Erbe von Alexander von Humboldt zu spüren. Und insofern war der Titel „Alexander von Humboldt 2.0“ exzellent gewählt.