Die Zukunft hat begonnen

Mode und Digitalisierung: „Revolution in der Fasanenstraße“

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Foto: Bernhard Ludewig

Experten diskutieren auf dem Podium von VBKI und Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie (SDBI) über die Zukunft der Digitalisierung in der Modewelt.

Nur noch fünf Stunden statt wie bisher drei Monate soll es künftig von der Bestellung individueller Mode bis zu Auslieferung dauern: die Mode steht am Anfang einer Revolution. Neue Technologien und Materialien bedeuten auch neuartige Entwürfe. Eine Chance, dass Berlin für die Mode des 21. Jahrhunderts steht. „Ich hatte schon immer den Eindruck, dass von der Fasanenstraße die Revolution ausgeht“, sagte VBKI-Präsidiumsmitglied Klaus Wowereit, der die Diskussion im Ludwig Erhard Haus moderierte.

Mehr als 150 Gäste aus Mode, Industrie, Politik, Medien, Kreativwirtschaft und Hochschulen diskutierten am Vorabend der Berlin Fashion Week über die Zukunft der Digitalisierung in der Modewelt. Standen vor allem Online-Händler für die Digitalisierung der Mode, erfolgt gerade ein technologischer Durchbruch in der Produktion. Basierte bislang die Herstellung von Mode auf 100 Jahre alten Technologien, lernen jetzt Roboter was sie bisher partout nicht konnten: Kleidung herzustellen.

Auch der Online-Handel entwickelt sich rasant weiter. Hier geben die Kunden Tempo und Richtung vor – mit einem hohen Anspruch an Qualität, Inszenierung, Service und Marke bei starker Illoyalität: „Ich will alles und zwar sofort!“. Amazon will bis 2020 auch in der Mode der größte Anbieter werden. Das Einkaufen in den Läden wird immer mehr Teil der Unterhaltungsindustrie, alles andere wird zunehmend online gekauft und auch hier „wird Mode über Gefühle durch digitales Erlebnis verkauft“, sagte Sebastian Schulze Gründer des Online-Größenberaters Fit Analytics. Schulze: „Die Trennung zwischen Online und Offline wird sich auflösen.“ Als Folge drohe insbesondere mittelgroßen und kleineren Städten die Verödung. Die Experten sehen hier eine große Chance für Berliner Designer.

Das weltweit bedeutendste Projekt dieser technologischen Revolution ist die Speedfactory von Adidas. Überall auf der Welt sollen sie als lokale Minifabriken für den lokalen Markt aufgebaut werden (Local-for-local). So können individualisierte Schuhe und Kleidung auch wieder in Deutschland produziert werden. Und das mit Tempo: Nur fünf Stunden statt bisher drei Monate soll es von Bestellung bis Versand dauern. Die Ziele: Steigerung von Produktivität, Flexibilität und Effizienz, niedrigere Lager- und Transportkosten und natürlich: mehr Gewinn.

Mit seinem Angebot, erklärte SDBI-Direktor Joachim Schirrmacher, dürfte Adidas damit einen Vorsprung von mehreren Jahren haben gegenüber der „Manufacturing Revolution“ von Nike, Reeboks „Liquid Factory“ oder dem Forschungslabor „Lighthouse“ sowie dem Projekt „Glory“ von Under Armour. „Die Deutsche Bekleidungsindustrie wie Falke Sport oder Marc Cain setzt seit Jahren auf innovativen 3D-Strick. Auch Roy Robson digitalisiert seine Produktion in der Türkei, um neue Kleidung in drei Wochen liefern zu können“, so Schirrmacher.

„Die Digitalisierung textiler Produkte und Prozesse wird einen Innovationsschub auch in vielen anderen Branchen auslösen“, sagte Ingeborg Neumann, Präsidentin Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie.
SDBI-Direktor Joachim Schirrmacher: „Neue Technologien und Materialien haben zumeist neue Entwürfe zur Folge. Coco Chanel revolutionierte mit Jersey die Mode, Iris van Herpen ist eine Pionierin des 3-D Druck, während auf den Straßen der Look der Start-ups das Symbol für eine neue Zeit ist, der neue „Dress for success“. Selbst im Management sind vielfach Jeans, T-Shirt und Sneaker zu sehen. Kein Entwurf des European Fashion Award FASH 2015 zeigte noch klassische westliche Männermode. Und auch bei den Rentnern gilt: Rolling Stones statt Kurkonzert, Acne statt Brax; man will schließlich nicht zum alten Eisen gehören. Diese scheinbare Nachlässigkeit ist bei genauerem Hinsehen mit großer Sorgfalt inszeniert. Dieser neue Look ergibt zusammen mit der Technologie die Chance, dass Berlin für die Mode des 21. Jahrhunderts steht. Er hat seit Jahrzehnten eine starke kommerzielle Basis in Deutschland und ist so weder in Paris noch in Mailand vorhanden.“

Die Experten sind sich einig: Deutschland hat alles, was es für die Mode des 21. Jahrhunderts braucht: sehr gut ausgebildete Designer und Ingenieure, weltweit führende Textilmaschinen-Hersteller, herausragende Logistik und ausgezeichnete Fotografen. Doch damit der Sprung an die Weltspitze gelingt müssen Designer, IT-Experten, Wissenschaftler, Ingenieure und Kaufleute eine gemeinsame Sprache finden; was nicht ohne Vermittler möglich sein wird.

Dafür müssen die Inhalte von Ausbildung und Studium angepasst und die Schulen entsprechend ausgestattet werden sowie die Lücke zwischen Modeschule und Industrie überbrückt werden. „Warum ist Gestaltung nicht Pflichtfach ab der 1. Klasse?“, fragte Claudia Braun, Leiterin Color & Trim bei Mercedes-Benz. Wenn man miteinander redet, kann man viele Potentiale heben, das kann man von der Speedfactory lernen.

Fazit: Es braucht eine Start-Up Beratung die auf den speziellen Markt der Mode zugeschnitten ist. Es braucht also ein Kompetenzzentrum Mode, ähnlich wie zum Beispiel der Wissenschafts- und Technologieparks Berlin Adlershof.

Hier finden Sie Bilder des Abends...