Wer ernährt die Welt?

VBKI diskutiert über Perspektiven der industriellen und bäuerlichen Saatgutentwicklung

20161201 VBKI Politik u Wirtschaft Saatgut Entwicklung 015 BF Inga Haar 780x366?itok=cP8t--Ot
Foto: Businessfotografie Inga Haar

Ist das Geschäftsmodell der marktbeherrschenden Agrochemiegiganten mit Einsatz von Gentechnik, Pestiziden und Mineraldüngern in ausgedehnten Monokulturen der richtige und einzige Weg unsere Ernährung sicher zu stellen?

Über diese und weitere Fragen diskutierten Benedikt Härlin, Leiter des Berliner Büros der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, und Norbert Lemken, Director Agricultural Policy der Bayer CropScience AG. Herr Härlin führte aus, dass weltweit 795 Millionen Menschen regelmäßig nicht genug zu essen bekommen. Ernährungspflanzen würden zwar in global ausreichender Menge produziert, aber nur 43 Prozent des angebauten Getreides, auf dem 90 Prozent der menschlichen Ernährung beruht, gehe laut FAO in die direkte menschliche Ernährung. Der Rest werde für Futtermittel (36 Prozent) und Sonstiges (21 Prozent) eingesetzt.

Wie lässt sich die Ernährung der Welt sicherstellen? In den Hungerregionen der Welt sei eine gezielte Förderung von Kleinbauern mit 1 Hektar Land dringend notwendig. Hier plädiert Herr Härlin für agrarökologische Mischkulturen mit Nutzpflanzensymbiosen als bereits erprobtes Erfolgsmodell. Die industrielle Landwirtschaft mit Fokussierung auf großflächige Betriebe und Monokulturen würde die Abhängigkeiten von Preisschwankungen auf den Weltmärkten verstärken. Die Verarmung der Sortenvielfalt durch Industriesaatgut stelle in diesen Regionen ein Problem dar, da die kleinbäuerliche Saatgutentwicklung basierend auf einer reichen Sortenvielfalt verdrängt werde. Herr Härlin forderte ein gesellschaftlich/wirtschaftliches Umdenken, um den verbliebenen Hunger in der Welt einzudämmen: optimal angepasst statt größer; vielfältig statt standardisiert; Nährwert statt Mehrwert; Gärten statt Monokulturen; genug statt mehr.

Norbert Lemken, Director Agricultural Policy der Bayer CropScience AG und selbst Landwirtschaftsmeister, beschreibt die Landwirtschaft als einen dynamischen Markt mit globalen Herausforderungen. Wenn wir bis 2050 die Welt ernähren wollen, müsse laut FAO (Food and Arigcultural Organization der UN) die Produktion um 70 Prozent gesteigert werden. Vor diesem Hintergrund bestehe die Herausforderung auch für Bayer CropScience darin, mit Innovationen und guten Produkten neue Lösungen für den Landwirt zur Verfügung zu stellen. Die Steigerungsrate wird von Herrn Härlin bezweifelt, da sie den Mehrbedarf für das Bevölkerungswachstum weit übertrifft.

Lemken weist darauf hin, dass gentechnisch veränderte Pflanzen zwar in Deutschland nicht angebaut werden, aber in importierten Nahrungsmitteln enthalten seien. Denn unterhalb der Grenze von 0,9 Prozent gentechnisch veränderter Pflanzenanteile bestehe keine Kennzeichnungspflicht. Laut dem Byer-Manager ist in den nächsten 10 bis 15 Jahren kein nennenswerter Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in der EU zu erwarten. Bayer biete ein breites Portfolio für den Landwirt mit Pflanzenschutzmitteln, Saatgut und Biologika an. Dabei sei Bayer nicht auf eine Betriebsgröße fokussiert und unterstützte/berate kleinere/mittelgroße und große Betriebe bei der Nutzung von Saatgut und ggf. auch entsprechenden Pflanzenschutzmitteln.

Durch Forschung und Entwicklung kann Norbert Lemken zufolge Saatgut so optimiert werden, dass sich die Produktivität der Ackerflächen erhöhen lässt. Es sei ein Trugschluss, dass man ohne Pflanzenschutzmittel auskommen könne. Auch Bio-Bauern würden Pflanzenschutzmittel verwenden – es seien einfach nur keine chemischen Pflanzenschutzmittel, sondern beispielsweise Schwefel oder Kupfergemische. Es gehe bei Bayer um die Frage, wie ein Beitrag für die Landwirtschaft geleistet werden kann. Bayer glaube auch, dass genetische Sortenvielfalt notwendig für einen erfolgreichen Pflanzenschutz sei. Für Mais gäbe es z.Z. mehr als 300 zugelassene Sorten in Deutschland.

Wolfgang Petri, Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Ethik, schlug nach hitziger Diskussion einen Mittelweg vor – für Europa ist der Selbstversorger-Garten für jedermann vielleicht nicht der einzig wahre Weg, – aber ein intensiverer Austausch zwischen den beiden Diskutanten könnte zielführender für eine bessere Welternährung sein.

Bilder der Veranstaltung finden Sie hier >>