Feiert die Allmende Wiederauferstehung?

VBKI diskutiert über Ökonomie des Teilens

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Ist Besitz Schnee von gestern? Wird es künftig nur noch darum gehen, Zugang zu Ressourcen zu erhalten? Ist Teilen das neue Haben? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt einer angeregten Diskussion zum Thema „Sharing Economy“ beim VBKI.

Das Schwerpunktthema der jüngsten Ausgabe des VBKI Spiegel aufgreifend (hier online lesen), analysierte das Panel eine ganze Reihe von Aspekten der sogenannten Ökonomie des Teilens. Die Einführung ins Thema übernahm Moderator Thomas Schindler. Der Gründer der Softwareschmiede delodi stellte zunächst fest, dass das Grundprinzip der Sharing Economy uralt ist. „Es hat immer Menschen gegeben, die sich zusammengeschlossen haben, um Dinge miteinander zu teilen.“ Etwa Landwirte, die Maschinen gemeinsam nutzen. Oder die ersten Mitfahrzentralen, die bereits in den 70er Jahren entstanden. Wirklich neu sei vor allem eines: der quasi komplette Wegfall der Transaktionskosten durch die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation.

Kostenvorteile durch Verlagerung von Externalitäten


Zustimmendes Nicken auf dem Podium, allerdings auch so etwas wie ergänzender Widerspruch. Die gesunkenen Transaktionskosten seien zweifellos ein wichtiger Treiber der Sharing Economy, sagte Dr. Christian Humborg. Laut dem Leiter Finanzen und Zentrale Dienste von Wikimedia Deutschland gebe es aber noch einen weiteren, mindestens ebenso wichtigen Erklärungsansatz für die jüngsten Erfolge der Sharing Economy: Effizienz durch die Verlagerung von Externalitäten. Der Erfolg von Uber, Airbnb und Konsorten sei eben auch der Tatsache geschuldet, dass sie sich nur wenig um Regulierungsvorgaben kümmerten– und dadurch Kosten- und Wettbewerbsvorteile erzielen.

Wie nachhaltig ist die Sharing Economy?

Erleben wir mit der Sharing Economy eine völlig neue Form des Wirtschaftens? Dr. Gerd Scholl vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) äußert leise Zweifel. Laut dem Wissenschaftler ermöglichen die gesunkenen Transaktionskosten zwar grundsätzlich eine bessere Ressourcennutzung. Allerdings führe das nicht notwendigerweise zu mehr Nachhaltigkeit. Wenn Carsharing das Fahrrad oder den ÖPNV ersetzt, sei etwa für die Umwelt wenig gewonnen. Auch ein genereller Kulturwandel ist dem Forscher zufolge nicht in Sicht: Besitz werde auch künftig eine wichtige identitätsstiftende Rolle spielen, die Sharing Economy von klassischen ökonomischen Motivlagen getrieben, so der Wissenschaftler. Oft gehe es primär darum, Geld zu sparen.

Adieu Tageszeitung?

Beim Blick in die Glaskugel waren sich dann aber alle einig, dass die Ökonomie des Teilens ihr Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft hat. Nils Roßmeisl, Country Manager Deutschland/Österreich der privaten Carsharing-Plattform Drivy, sieht vor allem im eigenen Mobilitätsberitt noch Luft nach oben: beim Thema Ride-Pooling beispielsweise oder bei den E-Bikes. Auch der Markt für individuelle Dienstleistungen aller Art – Stichwort Craig’s List – sei weiterhin ein spannendes Thema.

Dr. Humborg verband seinen Blick in die Zukunft mit einem Abgesang auf das Zeitungswesen. „In 15 Jahren gibt es in Berlin keine Tageszeitungen mehr“, sagte der Mann von Wikimedia und begründete seinen Kassandraruf mit der Beobachtung, dass mehr und mehr Menschen in die Rolle des Publizisten schlüpfen – und damit den Beruf des professionellen Berichterstatters obsolet machen. Auch auf das Bildungswesen („Wissen befreien“) sowie den Banken- und Finanzsektor („private Kreditvergabe“) sieht er größere Veränderungen zukommen. Eine schöne neue Sharing-Welt müsse vor allem eine Voraussetzung erfüllen: „Die Plattformen müssen uns allen gehören!“

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