Kreuze, Waagen und Visionen

Erstes Hauptstadtkulturgespräch macht das Humboldt-Forum zum Thema

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Wenn die eierlegende Wollmilchsau ein Gebäude wäre, dürfte sie dem in Entstehung begriffenen Berliner Humboldt-Forum nicht unähnlich sein. Die Erwartungen an den Nachbau des Hohenzollern-Schlosses sind hoch, sehr hoch sogar, das wurde auch beim ersten Hauptstadtkulturgespräch deutlich.

Moderiert von VBKI-Präsidiumsmitglied Klaus Wowereit diskutierte ein hochkarätig besetztes Panel im Neuen Marstall der Hanns Eisler Musikschule über die Wechselwirkungen zwischen einer nationalen Kulturinstitution wie dem Humboldt Forum und der Stadt, in der sie beheimatet ist. Nach der Begrüßung durch den Rektor der Hochschule Hanns Eisler, Prof. Robert Ehrlich, und den einleitenden Worten von Bernd Wieczorek, dem Vorsitzenden des VBKI-Kulturausschusses, wurde deutlich, dass ein historisierender Bau viel Projektionsfläche für hoch- und höchstfliegende Zukunftspläne liefert.

Katalysator, Prozess, Zukunft

Paul Spies, Direktor Stadtmuseum Berlin und Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldt Forum, bekundete im Krönungskutschen-Saal seinen Willen, einen „Katalysator für die Weltbürgerschaft“ zu erschaffen. Prof. Herrmann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Mitglied der Gründungsintendanz, strebt einen Ort an, der gesellschaftliche Veränderungen aufgreift (Prozesscharakter) und dabei die Zielgruppe „Alle“ im Blick behält. Auch Kultursenator Dr. Klaus Lederer schürte Erwartungen und sprach von dem einen Guss, aus dem sich das Humboldt-Forum als „Museum der Zukunft“ präsentieren solle. 

Die Krux mit dem Kreuz

Konkreter wurde es, als der Moderator das Gespräch auf die Krux mit der Kuppel lenkte: Kreuz oder nicht Kreuz – das war in den vergangenen Wochen ja die heißdiskutierte Frage. Inzwischen scheint sie entschieden zu sein. Obwohl, im Grunde ist sie schon seit 2013 entschieden, wie Prof. Parzinger klarstellte. Und zwar zugunsten des Kreuzes. Schließlich sei das Symbol der Christenheit schon immer Bestandteil der Rekonstruktionspläne gewesen –  und es habe nie die Absicht bestanden, diese zu ändern. 

Wippe, Waage, Volk

Auch am geplanten Einheitsdenkmal – der sogenannten Waage – scheiden sich die Geister. Vor allem Paul Spies machte seine Zweifel deutlich. Der gebürtige Niederländer stößt sich zum einen am aus seiner Sicht ausgrenzenden Klang des Begriffs Volk, der als Teil der geplanten Inschrift – Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk. – an die Slogans der 89er Revolution erinnern soll. Zum anderen hält er die Metaphorik der begehbaren „Einheitswippe“ für verunglückt. Schließlich gehe es auch darum, ein Zeichen für die Demokratie zu setzen. Da sei es unpassend, wenn eine mit vielen Menschen gefüllte Waagschale zu Boden sinkt, während die Ein-Personen-Schale nach oben strebt.
Kurzum: Die Bandbreite an Themen ist groß, der Erwartungsdruck ebenso, und auch nach dem ersten Hauptstadtkulturgespräch bleibt reichlich Diskussionsstoff übrig. Da trifft es sich gut, wie der Geschäftsführende Vorstand der Stiftung Brandenburger Tor Dr. Pascal Decker in seinem Schlusswort ankündigte, dass das Format im Herbst in die nächste Runde geht. Wir sind gespannt!

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