Schuld, Schulden, Sykes-Picot

Diskussion: Der Erste Weltkrieg und seine Lehren

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Foto: Businessfotografie Inga Haar

Es war eine Tour de Force durch Raum und Zeit: Im VBKI diskutierten der Historiker Heinrich August Winkler und der französische Botschafter Philippe Etienne die Lehren des Ersten Weltkriegs.

Den Ausgangspunkt der von VBKI Geschäftsführer Udo Marin und Tagesspiegel-Journalist Dr. Christoph von Marschall moderierten Debatte bildete eine Frage, die seit den Versailler Verträgen die historische Betrachtung prägt, zumindest in Deutschland: Wer hat die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ vom Zaun gebrochen? Sind die europäischen Mächte in den Krieg hineingeschlittert, wie der britische Premier Lloyd George behauptete? Sind sie, um mit dem Historiker Christopher Clark zu sprechen, schlafwandelnd hineingetaumelt?

Heinrich August Winkler wehrt sich gegen eine allzu nivellierende Betrachtungsweise. Kaum ein Historiker würde heute die Alleinschuldthese verfechten. Ebenso falsch sei es allerdings, die Kriegsparteien in Europa über einen Kamm zu scheren. In Deutschland hätten die Kriegsbefürworter aus unterschiedlichen Gründen einen besonders starken Rückhalt in Politik und Gesellschaft genossen – und der berüchtigte deutsche Blankoscheck an den habsburgischen Verbündeten sei der entscheidende Schritt hin zur Eskalation gewesen. Mit Blick auf die Rolle des Deutschen Reichs kommt er zu dem Schluss: Alleinschuld nein, Hauptverantwortung jedoch sehr wohl. „Die selbstkritische Betrachtung der Geschichte ist ein Ausdruck von Souveränität“, so der Historiker.

Bis in die Gegenwart hinein reichen die Nachwehen des Großen Krieges: Grenzziehungen per Federstrich wie im Sykes-Picot-Abkommen von 1916 vorgenommen schüren Konflikte, die bis heute andauern. Allerdings kann nicht jeder Tropfen Blut, der im Nahen Osten vergossen wird, mit dem europäischen Imperialismus von vor hundert Jahren erklärt werden. Der Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten als bis heute zentraler Konfliktherd beispielsweise sei viel älter, sagte Winkler.

Im Inneren krisengebeutelt und gespalten, an seinen Außengrenzen durch neue Konflikte unter Druck - wie geht es weiter mit Europa? Auch er, sagte Philippe Etienne, stelle angesichts der deutsch-französischen Debatte über den richtigen Umgang mit der Krise fest, dass längt überwunden geglaubte Vorurteile wieder auf dem Vormarsch seien. „Das ist nicht gut“, sagte der Botschafter.  Fortschritte sieht er hingegen auf dem lange vernachlässigten Feld der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP). Die Krisen an seinen Außengrenzen – Ukraine, Russland, Syrien – hätten die Staaten der EU zusammengeschweißt, insbesondere die deutsch-französische Zusammenarbeit funktioniere auf dem Feld der Außenpolitik sehr gut.

Die Bilder der Veranstaltung finden Sie hier.